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Adam Smith, der erste Kritiker der Marktgläubigkeit

30.04.2019

Dem Autor bot sich kürzlich die einmalige Gelegenheit, mit Adam Smith (1723-1790), dem Begründer der modernen Nationalökonomie, posthum ein Interview zu führen. Smith wollte wieder einmal im Diesseits nachschauen, was aus seinen marktwirtschaftlichen Ideen geworden ist. Wie das Gespräch zeigt, reagierte er auf die aktuell vorgefundenen Verhältnisse von Wirtschaft und Gesellschaft ziemlich verwundert…

P.U.:

Hochverehrter Professor Smith, im Namen unserer Leserschaft danke ich Ihnen ganz herzlich, dass sie sich trotz der etwas erschwerten Anreise aus dem Jenseits für dieses posthume Interview zur Verfügung stellen. Sie gelten ja bis heute als der wichtigste Vordenker des „freien Marktes“. Welcher Satz aus Ihrem Werk repräsentiert nach Ihrer eigenen Einschätzung diese Lesart am prägnantesten?

Adam Smith:

Eigentlich fände ich es besser, wenn die Schriften von uns Klassikern auch heute umfassend studiert würden. Ich reisse nicht gern meine eigenen Sätze aus dem Zusammenhang, hat das doch allzu oft zu Missverständnissen geführt. Well, wenn es unbedingt sein muss – mein einschlägiges Bestseller-Zitat dürfte die folgende Passage aus dem Wohlstand der Nationen sein: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.“ (WN, 1. Buch, 2. Kapitel, 2. Absatz, S. 17)

P.U.:

Hmmh, das klingt ja wie die erste Lektion eines modernen Verkäufertrainings. Wer so spricht, dem geht es in der Regel doch nur um seinen eigenen Gewinn. Wo bleibt das Gemeinwohl?

A.S.:

Gewiss strebt im Markt „jeder lediglich nach eigenem Gewinn.“ Aber „er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat. [...] Ja gerade dadurch, dass er das eigene Interesse verfolgt, fördert er häufig das der Gesellschaft nachhaltiger, als wenn er wirklich beabsichtigt, es zu tun.“ (WN, 4. Buch, 2. Kapitel, 9. Absatz, S. 371)

P.U.:

„Unsichtbare Hand“? Kompliment, grosser Meister – eine wunderbare Metapher! Doch Sie bleiben ein bisschen gar allgemein. Geht‘s nicht konkreter?

A.S.:

Nun gut, junger Mann, aber sie müssen schon mit einem Erfahrungsbeispiel aus meiner Lebenszeit (1723-1790) Vorlieb nehmen. Ich habe damals etwa die Vorzüge des Gewinnstrebens der reichen Landbesitzer für die armen Landarbeiter beobachtet. Die Landbesitzer „verzehren wenig mehr als die Armen; trotz ihrer natürlichen Selbstsucht und Raubgier [...] teilen sie doch mit den Armen den Ertrag aller Verbesserungen, die sie in ihrer Landwirtschaft einführen. Von einer unsichtbaren Hand werden sie dahin geführt, beinahe die gleiche Verteilung der zum Leben notwendigen Güter zu verwirklichen, die zustande gekommen wäre, wenn die Erde zu gleichen Teilen unter alle ihre Bewohner verteilt worden wäre.“ (TEG, 4. Teil, 1. Kapitel, 10. Absatz, S. 316)

P.U.:

Bei allem Respekt, Professor Smith, aber Ihre empirischen Beobachtungen sind doch sonst viel genauer. Die Ungleichheit der Vermögensverteilung unter den Menschen ist enorm und hat seit Ihrer Lebenszeit überall, wo deregulierte Märkte geschaffen worden sind, massiv zugenommen. Muss hier nicht der demokratisch legitimierte Rechtsstaat für eine einigermassen gerechte Ordnung des Zusammenlebens sorgen?

A.S.:

Oh ja! Da kann ich Ihnen nur auf das Entschiedenste zustimmen. Niemals habe ich die Ansicht vertreten, man könne die Regelung der öffentlichen Dinge der Privatwirtschaft überlassen. „Die bürgerliche Obrigkeit ist […] mit der Macht betraut, den öffentlichen Frieden durch Eindämmung des Unrechts aufrecht zu erhalten“; darüber hinaus „kann sie Vorschriften erlassen, die nicht nur gegenseitige Schädigungen unter Mitbürgern verbieten, sondern bis zu einem gewissen Grade auch gegenseitige gute Dienste anbefehlen.“ (TEG, 2. Teil, 2. Abschn., 1. Kap., 8. Absatz, S. 120)

P.U.:

Interessant! Sie haben also schon damals den Primat der Politik vor der Logik des Marktes postuliert. Aber die Realität ist heute eine andere: Im globalen Standortwettbewerb wird die Politik, die der marktwirtschaftlichen Dynamik die legitimen Rahmenbedingungen und die sinnvolle Richtung vorgeben sollte, den privatwirtschaftlichen Interessen und den von ihnen diktierten Sachzwängen des Marktes unterworfen. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

A.S:

Mit so einer Fehlentwicklung habe ich zu meiner Zeit nicht gerechnet. Ich habe stets nachdrücklich davor gewarnt, die öffentlichen Dinge den eigennützigen Ideen der Kaufleute zu überlassen, denn: „Das Interesse der Kaufleute aller Branchen in Handel und Gewerbe weicht [...] stets vom öffentlichen ab, gelegentlich steht es ihm auch entgegen. Kaufleute sind immer daran interessiert, den Markt zu erweitern und den Wettbewerb einzuschränken. [...] Jedem Vorschlag zu einem neuen Gesetz oder einer neuen Regelung über den Handel, der von ihnen kommt, sollte man immer mit grosser Vorsicht begegnen. Man sollte ihn auch niemals übernehmen, ohne ihn vorher gründlich und sorgfältig, ja sogar misstrauisch und argwöhnisch geprüft zu haben, denn er stammt von einer Gruppe von Menschen, deren Interesse niemals dem öffentlichen Wohl genau entspricht und die in der Regel viel mehr daran interessiert sind, die Allgemeinheit zu täuschen, ja sogar zu missbrauchen.“ (WN, 1. Buch, 11. Kapitel, letzter Absatz, S. 213)

P.U.:

Oh! Das klingt ja geradezu wirtschaftskritisch. Habe ich Sie recht verstanden: Sie glauben also gar nicht, dass mehr Markt automatisch zum Vorteil aller ist?

A.S.:

So einen groben Unsinn habe ich nie behauptet. Vergessen Sie nicht, dass ich in erster Linie Moralphilosoph bin und meine Politische Ökonomie in ethischer Absicht entwickelt habe. Die Fairness und Gerechtigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse verstehe ich als unverzichtbare Voraussetzung der Marktwirtschaft: Es „kann eine Gesellschaft zwischen solchen Menschen nicht bestehen, die jederzeit bereit sind, einander wechselseitig zu verletzen und zu beleidigen. [...] Gerechtigkeit ist der Hauptpfeiler, der das ganze Gebäude stützt. Wenn dieser Pfeiler entfernt wird, dann muss der gewaltige, der ungeheure Bau der menschlichen Gesellschaft [...] in einem Augenblick zusammenstürzen und in Atome zerfallen.“ (TEG, 2. Teil, 2. Abschn., 3. Kap., 4. Absatz, S. 129) „Ungerechtigkeit wirkt [...] mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft zu zerstören.“ (Ebenda, 6. Absatz, S. 131)

P.U.:

Genügt es also doch nicht, wenn jeder einfach seine eigenen Interessen verfolgt?

A.S.:

Gewiss nicht. Ich möchte mich ausdrücklich distanzieren von dem populistischen Win-Win-Gerede, das sich im herrschenden Denken Ihrer Zeit offenbar wie Unkraut verbreitet hat. Beachten Sie bitte, dass es in einer zivilisierten Gesellschaft darauf ankommt, „die Lebensbedingungen unserer Mitbürger so sicher, erträglich und glücklich zu machen, wie wir können. [...] Derjenige ist sicherlich kein guter Bürger, der nicht den Wunsch hegt, mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, die Wohlfahrt der ganzen Gemeinschaft seiner Mitbürger zu fördern.“ (TEG, 6. Teil. 2. Abschn., 2. Kap., 11. Absatz, S. 392)

P.U.:

Wo nehmen Sie denn das Vertrauen her, dass der politische Wille besteht, diese Voraussetzungen einer legitimen Marktwirtschaft zu gewährleisten?

A.S.:

Mein Vertrauen beruht letztlich auf dem, „was in Wirklichkeit die Weisheit Gottes ist“, (ebenda, 5. Absatz, S. 130), um es in der Sprache meiner Zeit auszudrücken. Sehen Sie: „Man mag den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Glückseligkeit dieser anderen zum Bedürfnis machen, obgleich er keinen anderen Vorteil daraus zieht als das Vergnügen, Zeuge davon zu sein.“ (TEG, 1. Teil, 2. Abschn., 1. Kapitel, 1. Satz, S.1)

P.U.:

Echt jetzt? Ist es nicht ein bisschen naiv, so sehr auf die Natur des Menschen zu setzen?

A.S.:

Nicht, wenn Sie die soziale Dimension des Menschseins einbeziehen. In ihr wurzelt die humane Moralität. Ein normaler Mensch kann gar nicht anders, als mit seinen Mitmenschen ein Stück weit mitzuempfinden und sich selbst aus deren Blickwinkel zu beurteilen, you know. Schon als Kinder entwickeln wir dabei starke moralische Gefühle. „Wir billigen oder missbilligen das Verhalten eines anderen Menschen auf die Weise, dass wir uns in seine Lage hineindenken und nun unsere Gefühle darauf prüfen, ob wir mit den Empfindungen und Beweggründen, die es leiteten, sympathisieren können oder nicht. Und in gleicher Weise billigen oder missbilligen wir unser eigenes Betragen, indem wir uns in die Lage eines anderen Menschen versetzen und es gleichsam mit seinen Augen und von seinem Standort aus betrachten und nun zusehen, ob wir von da aus an den Empfindungen und Beweggründen, die auf unser Betragen einwirken, Anteil nehmen und mit ihnen sympathisieren könnten oder nicht.“ Mit anderen Worten: „Wir bemühen uns, unser Verhalten so zu prüfen, wie es unserer Ansicht nach irgendein anderer gerechter und unparteiischer Zuschauer prüfen würde.“ (TEG, 3. Teil, 1. Kapitel, 2. Absatz, S. 166f.).

P.U.:

Mit Verlaub, geschätzter Lehrmeister: Das mag zwar ein gelungener Vorgriff auf den Kategorischen Imperativ Kants gewesen sein, aber wie passt das mit Ihrem Bäcker/Metzger-Schlager zusammen, in dem sie das Hohelied vom wirtschaftlichen Erfolgsdenken gesungen haben?

A.S.:

Gute Frage, indeed. Ich wäre nicht Ökonom geworden, wenn mir nicht sehr früh bewusst geworden wäre, dass es da ein kleines Problem gibt: Manchmal „erscheint uns infolge der ursprünglichen, egoistischen Affekte der menschlichen Natur der Verlust oder Gewinn eines ganz kleinen eigenen Vorteils von ungeheuer grösserer Wichtigkeit [...] als die bedeutendste Angelegenheit eines anderen Menschen, zu dem wir in keiner besonderen näheren Beziehung stehen.“ (TEG,3. Teil, 3. Kapitel, 4. Absatz, S. 200) Ich kam in meinen langjährigen ökonomischen Studien jedoch zum Ergebnis, dass das „einfache System der natürlichen Freiheit“ (WN, 4. Buch, 9. Kapitel, 2.-letzter Absatz, S. 582), also die Interessenverschränkung im marktwirtschaftlichen Tausch, diese Asymmetrie der moralischen Bindungskräfte zwischen den Menschen teilweise auszugleichen vermöge. Dies hielt ich bis kurz vor meinem Lebensende für die geniale moralphilosophische List des marktwirtschaftlichen Systems.

P.U.:

Und was geschah dann?

A.S.:

Noch vor meinem Ableben musste ich die zunehmende Raffgier und die abnehmende Solidarität unter den Menschen zur Kenntnis nehmen, die meine liberale Wirtschafts-philosophie aufgrund ihrer gängigen verkürzten Lesart auslöste. Good heavens – eine solche geschichtliche Wirkung hatte ich nicht beabsichtigt. Deshalb liess ich mein fast fertiges drittes Hauptwerk noch knapp vor meinem Tod vernichten. Darin wollte ich eigentlich aufzeigen, wie der Staat die marktwirtschaftliche Kapitalverwertungslogik in gemeinwohldienlicher Weise bändigen kann. Doch ich sah am Ende ein, dass die Klammer zu schwach ausfallen würde und ich die liberale Synthese von Ethik, Politik und Ökonomik, die ich nach dem Vorbild von Aristoteles hatte erneuern wollen, nicht mehr schaffen konnte. Soweit mir bekannt ist, nennt ihr das heutzutage „das Adam-Smith-Problem“. Ich hielt es am Ende für wahrhaftiger, die Problemlösung meinen Nachfolgern zu überlassen.

P.U.:

Ach so. Diese selbstkritische Ehrlichkeit ehrt Sie. Aber ich glaube nicht, dass Sie sich vorstellen können, was für einen ideologischen Schlamassel Ihre angeblichen Schüler inzwischen angerichtet haben. Die heutigen „reinen“ Ökonomen pflegen Ihre Theorie der ethischen Gefühle nicht mehr zu lesen und somit die Voraussetzungen, unter denen Sie die Marktwirtschaft für gemeinwohldienlich hielten, nicht zu beachten. Deshalb glauben nicht wenige von ihnen, die grosse Harmonie im gesellschaftlichen Kräftespiel bilde sich als automatische Folge des voraussetzungslos gedachten, deregulierten Marktes, sozusagen im moralisch enthemmten Wettstreit unter Wirtschaftssubjekten, die ihren puren Eigennutzen maximieren. Frei nach dem Motto: „Macht keine Geschichten, der Markt wird‘s schon richten.“ Gehuldigt wird allein noch dem Marktgott; für den unparteiischen Zuschauer bleibt da noch nicht einmal im Denken Platz. Verstehen Sie?

A.S.:

My God, eine derart absurde Entwicklung habe ich am Ende befürchtet. Aber wenn, wie Sie sagen, inzwischen sogar die Ökonomen häufig einem so weltfremden Marktglauben anhängen, dann muss es ja noch viel schlimmer gekommen sein, als ich in pessimistischen Momenten selbst erahnt habe. Welch eine unangenehme Vorstellung für einen schottischen Moralphilosophen! Denn nicht der Markt, sondern „Vernunft, Grundsatz, Gewissen [ist] der grosse Richter und Schiedsherr über unser Verhalten.“ (TEG, 3. Teil, 3. Kap., 5. Absatz, S. 203) Ich glaube, ich wäre in Ihrer seltsamen Epoche wohl zum ersten Kritiker eines so unvernünftigen Marktfundamentalismus geworden. Ich möchte nicht überheblich sein, aber ich neige zur Ansicht, dass das 21. Jahrhundert dringend einen neuen Adam Smith braucht – als Aufklärer wider die pseudoliberale Marktvergötterung!

P.U.:

Danke für Ihren wichtigen Impuls, zeitloser Vordenker! Mir scheint, diese in der Tat dringend nötige zweite Aufklärung hat in der jungen Generation schon begonnen. Hoffentlich wird Ihre Botschaft diesmal besser verstanden…


Quellen für Smiths Aussagen:

TEG = Theorie der ethischen Gefühle, übersetzt u. hrsg. v. Walther Eckstein, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1985.

WN = Der Wohlstand der Nationen, übersetzt u. hrsg. v. Horst Claus Recktenwald, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1978.

Zur Vertiefung in das moralphilosophische und politisch-ökonomische Denken Smiths:

P. Ulrich: Der kritische Adam Smith – im Spannungsfeld zwischen sittlichem Gefühl und ethischer Vernunft, in: Der andere Adam Smith, hrsg. v. A. Meyer-Faje & P. Ulrich, Haupt Verlag, Bern 1991, S. 145-190.


Die Idee zu diesem virtuellen Gespräch verdanke ich Jürg von Ins. Die kürzere Urfassung ist erschienen unter dem Titel „I had imagined liberalism slightly differently“ in dem von PricewaterhouseCoopers (PwC) in englischer sowie in deutscher und französischer Sprache herausgegebenen Magazin „CEO – Das Magazin für integrierte Unternehmensführung“, Nr. 2/2000.