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Fachkräfte-Initiative: Ankündigung und Realität

27.03.2015

Mit grossen Erwartungen hatte der Bund bereits im August 2011 eine Fachkräfte-Initiative angekündigt. Nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative hat Bundesrat Johann Schneider-Ammann sie mehrfach in Erinnerung gerufen. Nach dreieinhalb Jahren haben wir uns nun in den Ämtern in einer Zwischenbilanz nach dem Vollzug erkundigt.

Der Alarmbegriff vom „Fachkräftemangel“ wird oft zur Rechtfertigung der Zuwanderung ins Feld geführt, aber er wird oft auch missverstanden und missbraucht. Der Fachkräftemangel ist nicht generell ein Akademikermangel. Zu wenig Fachkräfte haben wir bei ganz spezifischen Spezialisten, etwa bei Ärzten, Pflegepersonal, Informatikern und Ingenieuren oder bei Fachpersonen mit Höherer Berufsbildung wie Meistern, Technikern und leitenden Berufskadern. Dieser Fachkräftemangel ist grösstenteils hausgemacht und selbstverschuldet.  Nehmen wir uns diese Mangelkategorien einzeln vor.

Stichwort Ärztemangel: Rund 4000 Schweizer Maturitätsabsolventen und –absolventinnen melden sich pro Jahr fürs Arztstudium. Doch mit dem Numerus Clausus stehen nur 1200 Studienplätze für Humanmedizin zur Verfügung. Nicht einmal jeder Dritte kann Arzt studieren. Doch 1200 Ärzte werden pro Jahr im Ausland rekrutiert. Eine schwere Benachteiligung der hiesigen Maturanden und ein billiges Ausweichen auf ausländisches Fachpersonal dank der Personenfreizügigkeit. Ab Ende 2017 sollen nun 300 zusätzliche Studienplätze geschaffen werden. Sie werden erst nach 2020 den Arztberuf ausüben. Die  neuausgebildeten werden nur gerade die pensionierten Ärzte ersetzen. Eigentlich bräuchte es tausend zusätzlich Studienplätze.

Stichwort Pflegepersonalmangel:  Während eines Jahrzehnts wurden nur durchschnittlich 3500 Pflegefachpersonen pro Jahr ausgebildet. Das war nur die Hälfte des schweizerischen Bedarfs. Zwar wurde seit drei Jahren die Zahl der Ausbildungsplätze deutlich erhöht. Sie decken den zukünftigen Bedarf aber lange nicht ab. Dieses Jahr haben gemäss Lehrstellenbarometer 4500 Jugendliche, die einen Pflege- oder Betreuungsberuf (FaGe und FaBe) erlernen wollten, keine Lehrstelle erhalten. Mittels Leistungsaufträgen müsste man den Spitälern die Vorgabe machen, mindestens acht Lehrstellen pro 100 Beschäftigte anzubieten. Zuständig wären die Gesundheitsdirektoren in den Kantonen.

Stichwort Informatiker und Ingenieure: Wir haben tatsächlich einen Ausbildungsmangel in den MINT-Berufen: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik. Die IT-Branche bietet 1000 bis 2000 Informatiklehrstellen zu wenig pro Jahr an – und gleichzeitig beklagt sie sich ständig über den Fachkräftemangel. Die Gymnasien sind einseitig und sprachlastig und verhindern namentlich begabten männlichen Jugendlichen den gymnasialen Zugang, wenn diese nicht auch in Fremdsprachen stark sind. Diese Negativselektion ist bekannt aus dem Schweizerischen Bildungsbericht 2014 und unzähligen früheren Berichten. Der Kanton Aargau war vorbildlich und schuf an seinen Kantonsschulen die Nawimat, die naturwissenschaftlich-mathematische Maturität, welche mathematisch Begabten den Zugang zum Ingenieur- und Informatikstudium öffnet. Mehrere Kantone pröbeln führungslos mit wirkungslosen Experimenten und stossen auf den Widerstand der Gymnasiallehrer. Der Bund beruft sich auf die Autonomie der Kantone. Doch mit Empfehlungen könnte er sich koordinierend einschalten.

Stichwort Kader: Entgegen der häufig  geäusserten Meinung über den Akademikermangel sind aufgrund der Unternehmensbefragung die Absolventen einer Höheren Berufsbildung zahlenmässig die gesuchtesten Fachkräfte, also die Techniker, Meister und weiteren Führungskräfte der Stufe Tertiär B.  Doch ausgerechnet die titelmässige Aufwertung der Höheren Berufsbildung (sog. Titeläquivalenz) ist in der vergangenen Session auf Antrag von Johann Schneider-Ammann im Ständerat abgelehnt worden. Ein Eigengoal für die Berufsbildung und Fachkräftequalifizierung par excellence.

Jahrelang hat man sich dank der Personenfreizügigkeit durch Rekrutierung im Ausland mit Fachpersonal eingedeckt, aber dadurch auch die Ausbildungslücken im Inland überbrückt und verdrängt. Seit 2008 weiss man, dass wir zu wenig Ärzte, Pflegepersonal, Informatiker und Ingenieure ausbilden. 2011 kündigte Bundesrat Johann Schneider-Ammann seine Fachkräfte-Initiative an. Seit 2013 existiert ein Konzept für einen Massnahmenplan. Doch bis heute sind praktisch noch keine Entscheide für griffige Massnahmen gefallen. Zu viele Amtsstellen befassen sich mit dem Problem. Das Seco sollte die Arbeiten koordinieren. Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI, das sich bisher mit sich selber befasste, schiebt die Verantwortung auf die Kantone. Am weitesten ist im Pflegebereich das Bundesamt für Gesundheitswesen mit den kantonalen Gesundheitsdirektionen.

Eigentlich möchten wir alle einen schlanken und effizienten Staat. Doch es ist Sand im Getriebe einer wachsenden Bürokratie mit schwindender Entscheideffizienz: Erstens verhindern Föderalismus und Kantönligeist wirksame nationale Strategien. Zweitens fehlen auf Bundesebene im Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung WBF die Führung, ein effizientes Projektmanagement und die Entscheidkraft für wirksame Massnahmen.

Und drittens kommt allen Lenkungsmassnahmen die überholte liberale Doktrin der Seco- und SBFI-Chefs von „Laisser faire“ und Selbstregulierung in die Quere. Dabei sind Ärzte- und Pflegepersonalausbildung, Maturitäts- und Hochschulzugang praktisch ausschliesslich im staatlichen Bereich angesiedelt und vom Steuerzahler finanziert. Warum kann und soll der Staat diese Ausbildungen nicht auch steuern?

Für griffige Entscheidstrukturen braucht es angesichts der Entscheidschwäche vorübergehend einen Delegierten des Bundes auf der Ebene eines Staatssekretärs, der die Kompetenz zur Koordination und Implementierung einer landesweiten Fachkräftestrategie erhält. Der Fachkräftemangel, der auf einem Steuerungsdefizit im Bildungsbereich beruht, wurde bisher durch Personalrekrutierung im Ausland zugedeckt. Erst seit Februar 2014 wird er ernsthaft wahrgenommen. Doch vor dem Jahr 2020 werden die vorgesehenen Massnahmen nicht greifen – zehn Jahre zu spät.