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Postwachstumsgesellschaft: Ökoeffizienz, Suffizienz und zivilisatorische Intelligenz!

31.03.2016

Kaum jemand bestreitet es noch: Der ökologische Fussabdruck unseres erst teilweise modernen Wirtschafts- und Lebensstils ist zu gross. Die nachholende sozialökologische Modernisierung wird dringlich, wenn irreversible Naturzerstörungen und Klimakatastrophen noch vermieden oder wenigstens eingeschränkt werden sollen. An der UN-Klimakonferenz des vergangenen Jahres in Paris haben sich alle 195 präsenten Länder (plus die EU mit eigener Stimme) mit einem einstimmig verabschiedeten „Klimavertrag“ auf das Ziel geeinigt, die Erderwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius zu begrenzen. Aber wie konkret?

 

Bei den bisher diskutierten Massnahmen dominieren unmittelbar energie- und umwelttechnische Ansätze, eingebettet in ökonomische Lenkungssteuern und soziale Ausgleichsmechanismen, insbesondere zugunsten der ärmeren Länder. Doch das Bewusstsein wächst, dass das nicht genügen dürfte. Infrage gestellt sind unweigerlich die gesamten politisch-ökonomischen Prinzipien der heutigen, neoliberal geprägten Wirtschaftsordnung und darüber hinaus unseres Zusammenlebens. Die erste Perspektive wird mit dem (vermutlich 2006 von Nico Paech geprägten) Begriff der Postwachstumsökonomie signalisiert, die noch umfassendere zweite Perspektive lässt sich davon ausgehend mit dem (2010 von Irmi Seidl und Angelika Zahrndt erstmals als Buchtitel eines breit angelegten Sammelbands zum Thema verwendeten) Leitbegriff einer Postwachstumsgesellschaft thematisieren. Kritisch in den Blick genommen wird damit der Sachverhalt, dass die gesamte Organisation unserer Wohlstandserzeugung und ‑verteilung (inklusive die sozialen Sicherungssysteme) auf der Prämisse anhaltenden Wirtschaftswachstums aufbauen. Mit ihr wird jedoch der Bock zum Gärtner gemacht, also das politisch-ökologische Kernproblem zum Lösungsweg umzudefinieren versucht, indem auf eine „grüne Wirtschaft“ gesetzt wird, die dank ihrer Umweltverträglichkeit wieder unbegrenzt wachsen darf. Das Zauberwort für solches instrumentalistisches Denken ist das der ökologischen Effizienz oder kurz: Ökoeffizienz. Gemeint ist, dass der Einsatz natürlicher Ressourcen bei der Produktion materieller Güter sowie ihre Rückgewinnung bei deren Entsorgung dank technischer Innovation fortlaufend sparsamer gestaltet und schliesslich das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch weitgehend entkoppelt wird.

Gewiss ist eine dementsprechende technisch-ökologische Modernisierung unserer Wirtschaft erstrebenswert. Und sie bietet angesichts unseres insgesamt noch eher primitiv anmutenden, keineswegs „wirtschaftlichen“ Umgangs mit den knappen Ressourcen unseres Planeten durchaus dringend zu nutzende Chancen. Doch die Erfahrung belegt, dass ökologische Effizienzgewinne wie auch alle anderen Effizienzgewinne in aller Regel durch Mehrkonsum – eben durch Wirtschaftswachstum – überkompensiert werden. Man spricht dabei vom Rebound-Effekt. Neben dem effizienteren Einsatz der Mittel müssen wir deshalb unserer Wirtschaftsweise auch sinnvollere Zwecke vorgeben: Die grösste Verschwendung geschieht, wenn wir knappe natürliche Ressourcen für lebenspraktisch unsinnige Zwecke und Ziele einsetzen, mag das noch so „effizient“ erfolgen.

Wir müssen also unweigerlich auch unsere in aller Regel materiell unersättliche Lebensform als solche reflektieren. Die entsprechende Debatte wird längst unter dem Stichwort der Suffizienz geführt. Gemeint ist eine neue Lebensphilosophie des Genug-haben-Könnens; des Sich-Besinnens auf jenes Mass an Güterwohlstand, das für unsere Lebensqualität insgesamt förderlich ist, indem es uns mehr Zeitwohlstand und mehr mentalen Freiraum für andere Dimensionen der „Lebensfülle“ gewährt. Resonanzreiche Bücher wie beispielsweise Robert & Edward Skidelsky’s „Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens“ (2013) spielen die alte aristotelische Idee vom richtigen Mass in ökologischer Absicht neu durch, hinterlassen aber, so scheint es mir, den schalen Eindruck, dass sie über idealisierende Postulate einer je individuell als sinnvoll zu erkennenden Selbstbeschränkung kaum hinausweisen. Dem konsequent nachzuleben bleibt in einer Welt, die vom Mehr-haben-Wollen geprägt ist, bis auf Weiteres ein (sub-)kulturelles Nischenphänomen..

Das braucht nicht so zu bleiben. Es mag ja sein, dass der zunächst für die meisten Menschen so verheissungsvolle Konsumwohlstand sich mit seiner wachsenden Erfahrbarkeit selbst desillusionieren wird. Konsum birgt in sich nämlich fast immer ein enttäuschendes Moment: Sein flüchtiger Befriedigungseffekt beseitigt die Leere der Passivität, in die sie uns versetzt, nicht nachhaltig, sondern hindert uns im Gegenteil daran, uns eine tiefere Erfüllung in sinnvollem aktivem Tun zu erarbeiten. So gesehen, müsste sich das – menschheits­geschichtlich wohl noch etwas pubertäre – Streben nach grenzenlosem Konsumwachstum irgendwann kulturell von selbst erledigen. Doch diese kulturelle Hoffnung verfehlt den entscheidenden Punkt: Wir sind heute hoffnungslos in strukturelle Wachstumszwänge verstrickt. Das zeigt sich heute, in einer Zeit weltweit geringen oder ganz „fehlenden“ Wirtschaftswachstums, in einem symptomatischen wirtschaftspolitischen Trilemma:

  • entweder muss zur Vermeidung sozioökonomischer Krisen – auf Kosten der Umwelt – wirtschaftspolitisch voll auf (kaum je) „hinreichendes“ Wirtschaftswachstum gesetzt werden,
  • oder es wird – auf Kosten der internationalen Wettbewerbsfähigkeit – eine massive sozialstaatliche Umverteilung zur Begrenzung der sozioökonomischen Probleme in Kauf genommen,
  • oder aber die real wieder zunehmende soziale Desintegration wird zynischerweise – auf Kosten der sozial Schwächeren – als „nötiges“ Opfer der nachteilig Betroffenen für die Verteidigung des angeblich kollektiven Wohlstands im globalen Standortwettbewerb hingenommen (Austeritätspolitik).

Die Gefahr dieser dritten „Lösung“ des Problems ist umso grösser, je geringer das real erzielte Wirtschaftswachstum anfällt, da dann die nötige Umverteilung nicht mehr aus den Zuwächsen finanziert werden kann, so dass diese die Besitzstände der Wohlhabenden in Frage stellt. Ergo wird jede Regierung, die wiedergewählt werden möchte, nach grösstmöglichem Wirtschaftswachstum streben und die ökologischen Bedenken im Konfliktfall fast immer hintanstellen. Die Realpolitik lässt grüssen…

Die systematische Konsequenz lässt sich vielleicht auf folgenden zentralen Punkt bringen: Neben der technisch-industriellen Entkoppelung des Güterwohlstands vom Verbrauch an natürlichen Ressourcen (Ökoeffizienz) und der mentalen Entkoppelung unseres kulturellen Konzepts der individuellen Lebensqualität vom Güterwohlstand (Suffizienz) kommt es in einer Postwachstumsgesellschaft entscheidend auf die wenigstens teilweise strukturelle Entkoppelung einer tragfähigen gesellschaftlichen Wohlstandsverteilung von den systemischen Wachstumszwängen an. Oder prägnanter: Ökoeffizienz und Suffizienz kommen nur auf dem Boden vermehrter zivilisatorischer Intelligenz zum Tragen. Darunter verstehe ich die noch deutlich entwicklungsbedürftige Fähigkeit, das zivilisatorische Niveau der Organisation unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens nachholend auf das ökonomisch-technisch erreichte, aber gesellschaftlich noch nicht sinnvoll genutzte Produktivitätsniveau unseres Wirtschaftssystems anzuheben. Den Engpass auf dem Weg zur Postwachstumsgesellschaft stellen in dieser Perspektive die veralteten industriegesellschaftlichen Organisationsprinzipien dar, insbesondere die allzu weit getriebene Koppelung der Einkommenssicherung der Menschen an ein „vollbeschäftigtes“ Arbeitsleben im Kontext einer Marktwirtschaft, die ihren Produktivitätsfortschritt stets prioritär für Wirtschaftswachstum genutzt hat.

Die ganz anderen gestaltungsfähigen und gestaltungsbedürftigen Ansatzpunkte einer nachhaltigen Postwachstumsgesellschaft sind vielfältig und können hier aus Platzgründen nicht näher entfaltet werden. Eine weiterführende Skizze mit diesem Fokus entwirft mein kontrapunkt-Text „Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik jenseits der Wachstumsideologie“, auf den zu verweisen deshalb abschliessend erlaubt sei.