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Gedanken zu einer neuen Raumökonomie

26.08.2018

Der Sinn des Wirtschaftens ist stets lokal. In der griechischen Wurzel des Begriffs der Ökonomie steckt es noch drin: oikos ist nichts anderes als der «Haushalt» einer überschaubaren Wirtschaftsgemeinschaft, die einigermassen autark den Zweck allen Wirtschaftens, die Versorgung der Gemeinschaftsmitglieder mit den benötigten «Lebensmitteln» im weitesten Sinn des Wortes (Nahrung, Kleidung, Wohnung, Gesunderhaltung, Alltagserleichterung und Lebensgenuss), verwirklicht. Der Interaktionsraum des Wirtschaftens hat sich jedoch mit der zunehmenden Arbeitsteilung fortwährend ausgedehnt und vom unmittelbaren humanen Relevanzraum abgelöst. Mit der Globalisierung hat diese buchstäblich raumgreifende Entwicklung die nationale «Volkswirtschaft», den Gegenstand der einstigen akademischen «Nationalökonomie», gesprengt. Und mit der «Hyperglobalisierung» (Dani Rodrik) hat sich schliesslich die nötige Gestaltungsmacht der Politik über die Ökonomie weitgehend im «Standortwettbewerb» zwischen verschiedenen politischen Ordnungen aufgelöst, sich also in einen faktischen Primat der globalen Märkte vor der Politik verkehrt.

Das ökonomische Zentralargument für diese Entwicklung war stets nur die «Effizienz» der Wohlstandserzeugung. Alle anderen Aspekte, namentlich jene der sozialen und internationalen Verteilung des geschaffenen Wohlstands sowie der nationalen Autonomie und Autarkie, wurden von den Befürwortern der grenzenlosen Marktausdehnung ausgeblendet. Nun holt uns das Ausgeblendete zunehmend ein – in Form des Wohlstandsverlusts und zunehmend prekarisierter Lebenslagen der lokalen oder weltregionalen Verlierer im globalen Wettbewerb. Und in Form von «identitären» Gesellschaftsbewegungen in allen betroffenen Ländern. Diese oft populistisch auftretenden Bewegungen versuchen die sozioökonomisch verursachte Enttäuschung und Frustration breiter Kreise kulturalistisch umzudeuten und umzulenken. Sie schüren die Angst verunsicherter Menschen vor dem Verlust der eigenen Identität, um sie parteipolitisch zu bewirtschaften. Indem «Fremde», insbesondere Migranten und Flüchtlinge, als vermeintliches gesellschaftliches Hauptproblem bezeichnet werden, lässt sich von den eigentlichen Ursachen persönlich erfahrener Misere und Fremdbestimmung ablenken. Dass dabei manche unschönen, zivilisatorisch regressiven Momente ins Kraut schiessen, ist nicht zu übersehen.

Der Tatbestand, dass die masslose Hyperglobalisierung die Wirtschaftswelt und die Ordnungspolitik mehr oder weniger «ortlos» gemacht hat, provoziert aber auch durchaus gesunde Gegenbewegungen hin zu einem neu erwachenden Bewusstsein für den Wert des lokalen und regionalen Wirtschaftens. Nachfolgend möchte ich drei elementare Gesichtspunkte skizzieren, die zumindest eine teilweise Re-Regionalisierung der Wirtschaftskreisläufe interessant erscheinen lassen.

Schluss mit der Sisyphus-Ökonomie!

 Eine globalisierte Ökonomie beruht auf dem Prinzip der grenzüberschreitenden arbeitsteiligen Effizienz: Aus dem weltweiten Export von Gütern und Dienstleistungen lassen sich Erlöse erwirtschaften, mit denen wir uns umgekehrt den Import von woanders produzierten Gütern leisten können. Nicht alle Länder können jedoch «Exportweltmeister» sein. Länder oder nur schon Regionen mit ständig hohem Importüberschuss erleiden einen anhaltenden Kaufkraftabfluss und auf die Dauer fast unweigerlich auch einen Knowhow-Verlust. In einer ausgeprägt exportorientierten Wirtschaft ist der regionale Wohlstand zudem stark durch externe, nicht kontrollierbare Entwicklungen mitbestimmt. Damit wächst die Abhängigkeit von fernen Abnehmern und politischen Machtträgern, die unter Umständen in der Lage sind, die terms of trade, also die Austauschverhältnisse und -preise, zu ihrem Vorteil zu gestalten und sich so den Löwenanteil der arbeitsteiligen «Wertschöpfung» (den value added des Wirtschaftens) anzueignen. Diese beginnt dann in schwächeren Ländern oder Regionen gleichsam immer wieder bei null.   

Man kann diese Sisyphus-Ökonomie besonders drastisch in unter- oder fehlentwickelten Ländern beobachten: Deren Lebens- und Versorgungsniveau erhöht sich trotz – oder eben gerade wegen – der Spezialisierung auf wettbewerbsfähige Exportwirtschaft und der Herausbildung einer dementsprechend unausgewogenen Wirtschaftsstruktur kaum je nachhaltig, solange sich die internationalen Machtverhältnisse nicht ändern. Bei lokaler oder regionaler Produktion und Konsumtion (Binnenwirtschaft) bleiben demgegenüber Kompetenz und Kaufkraft im internen Wirtschaftskreislauf investiv wirksam – eine nachhaltige Entwicklung kann so in Gang kommen. Die Entwicklungsökonomie hat das, im Gegensatz zur «ortlosen» Standardökonomik mit ihrer «grenzenlosen» Befürwortung des globalen Austausches, längst begriffen. Sie sucht nach Ansätzen, um den lokalen und regionalen Wirtschaftsaufbau ein Stück weit wieder autark zu machen und unmittelbar auf die «einheimischen» Bedürfnisse auszurichten. Ein Instrument dafür können auch Lokal- oder Regionalwährungen sein: Indem eine solche Währung nur im definierten Wirtschaftsraum gilt, stärkt sie dessen internen Wirtschaftskreislauf.

Entwicklungsökonomie? Ja, aber diesbezüglich sind alle Länder letztlich Entwicklungsländer. Selbstverständlich soll das nicht eine aussenwirtschaftliche Abschottung suggerieren, die auf die Effizienzgewinne des internationalen Austausches verzichtet. Gefragt ist vielmehr eine neue Aufmerksamkeit für die nötige Balance zwischen Aussen- und Binnenwirtschaft.

Rückgewinnung der «vitalpolitischen» Selbstbestimmung

 Die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen und die von ihnen bestimmten «Sachzwänge» des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs wirken weit in das gesellschaftliche Zusammenleben hinein. Die neoliberale Entgrenzungsideologie, wie sie insbesondere die Europäische Union mit der Doktrin der vier wirtschaftlichen Grundfreiheiten – des Warenverkehrs, der Dienstleistungen, der Kapitaltransaktionen und der Arbeitnehmerfreizügigkeit – hochhält, nimmt der nationalen Politik die demokratische Gestaltungsmacht über «vitale» Entscheidungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Das gilt rein ökonomisch als effizient. Aber die Problematik der Folgen nimmt in der Reihenfolge der genannten Aufzählung zu: In Bezug auf Waren mag der Freihandel grossenteils vorteilhaft für alle beteiligten Länder sein (wenn auch innerhalb jedes Landes nachteilig für die von ausländischen Konkurrenten betroffenen Anbieter). Mit der Doktrin des unbegrenzten internationalen Dienstleistungswettbewerbs kommen hingegen rasch einmal der nationale Service Public und mit ihm die zuvor von kommerziellem Denken freie Versorgung der Allgemeinheit mit grundlegenden Infrastrukturen unter die Räder. Unkontrollierte internationale Kapitalzuflüsse und -abflüsse gefährden die volkswirtschaftliche Stabilität, machen Investitionen und Beschäftigung vom «Wohlverhalten» der Regierungen gegenüber multinational agierenden Konzernen abhängig und erschweren die geldpolitische Sicherung der Preis- und Währungsstabilität. Und die ebenso unkontrollierte Zu- oder Abwanderung von Arbeitskräften ist in Wahrheit weniger eine «Freiheit» arbeitsuchender Menschen als das Vorrecht der Arbeitgeber, die für sie attraktivsten – seien es die fähigsten oder schlicht die billigsten – Arbeitskräfte international anzuwerben. Die Unternehmen tun das dementsprechend nach rein betriebswirtschaftlichen Kriterien, ohne Rücksicht auf die nationale und lokale Beschäftigungs-, Einkommens- und Versorgungslage der Menschen sowie auf die Belastungen von Infrastrukturen und Sozialsystemen nehmen zu müssen.

In dem Mass, wie eine Gesellschaft der nationalen oder lokalen Kontrolle über solche «vitalen» Lebensbedingungen den Vorrang vor den – oft sowieso fragwürdig verteilten – Effizienzvorteilen offener Märkte zubilligt, ist es durchaus vernünftig, mittels entsprechender «Vitalpolitik» (ein Ausdruck ordoliberaler Provenienz, insbesondere von Alexander Rüstow) die Selbstbestimmung bezüglich der grundlegenden Voraussetzungen des Gemeinwohls zurückzugewinnen. Zu diesem Zweck gilt es das Kräftespiel der Märkte konsequent in «flankierende Massnahmen» einzubinden – auch wenn gerade die EU sich derzeit damit schwertut, besonders in Bezug auf die bisher relativ unabhängige und erfolgreiche Arbeitsmarktpolitik der Schweiz und analoge Bestrebungen in EU-Mitgliedsstaaten.

Ökologie und Ökonomie des Raums

 Zu den buchstäblich vitalen Rahmenbedingungen des guten Lebens der jetzigen und der späteren Generationen – und damit zu den essenziellen Kriterien vernünftigen Wirtschaftens – gehört es selbstverständlich auch, eine lebenswerte natürliche Umwelt zu erhalten (Boden-, Wasser- und Luftqualität, Diversität der Arten, Ressourcen, Klima). Ökonomische Effizienzkriterien, die dem nicht vollständig Rechnung tragen, greifen zu kurz. Die globalisierten Warenflüsse «rechnen sich» oft nur, weil die mit langen Transportwegen verbundenen Umweltbelastungen nicht oder zumindest nicht vollständig in die Kostenkalküle internalisiert sind. Wäre dies der Fall, so würden sich manche «raumgreifenden», international arbeitsteiligen Produktionsabläufe als höchst ineffizient und unsinnig erweisen. Damit käme die ökologische Vorzüglichkeit einer eher kleinräumigen Arbeitsteilung und Kooperation – sowie einer entsprechenden Siedlungsstruktur – auch ökonomisch vermehrt zur Geltung.

Es geht hier aber nicht darum, weltwirtschaftliche Austausch- und Kooperationsprozesse pauschal zu verteufeln. Der «vitalpolitisch» entscheidende Leitgedanke geht vielmehr dahin, dass die Zukunft in einer differenzierten Raumökonomie liegt: Wir müssen lernen zu unterscheiden zwischen mehreren Schichten des Wirtschaftens, deren vernünftiger «Ort» je nach ökologischer Produktbilanz einerseits und Gesichtspunkten humaner Lebensqualität andererseits auf lokaler, regionaler, nationaler, kontinentaler oder globaler Ebene anzusiedeln ist. Das wäre zugleich der systematische Ansatz für eine differenzierte Globalisierung, die auf der Ebene nationaler und internationaler Ordnungspolitik sorgfältig bestimmt, für welche Güterarten globale Märkte sinnvoll sind und für welche anderen Güter die nationale Autonomie oder sogar die lokale Nähe zu den Endverbrauchern den Vorzug verdienen.

In einer solchen mehrschichtigen Ökonomie würde ordnungspolitisch dafür gesorgt, dass (a) insbesondere Nahrungsmittel und alltägliche Dienstleistungen so nah wie möglich bei den Konsumenten erzeugt werden und (b) gemeinwohlrelevante Versorgungsinfrastrukturen (Personen- und Güterkehr, Zahlungsverkehr und Geldsystem, Medien und Informationsnetze, Energieversorgung) unter nationaler Kontrolle bleiben, während (c) für massenindustriell produzierte Güter vielleicht durchaus die weltregionale oder globale Arbeitsteilung zweckmässig sein mag. Allzu raumgreifende Wertschöpfungsketten sind in aller Regel aber allein schon wegen der Umweltbelastungen durch unnötig lange Transportwege möglichst zu vermeiden.

So kann sich Schritt um Schritte eine zukunftsfähige Raumökonomie entwickeln. Die neuen raumökonomischen Differenzierungen sind letztlich vom Lebensalltag der Menschen her zu bestimmen und mit wirksamen ordnungspolitischen Kostenanreizen (Lenkungsabgaben) und Regulierungen durchzusetzen. Denn am Ende gilt selbst für Güter, für deren Herstellung die Vorteile globalisierter Wertschöpfungsketten überwiegen, was den Anfangsgedanken dieses Essays bildete: Der Sinn allen Wirtschaftens ist und bleibt lokal.

Dieser Beitrag ist am 21. August 2018 erstmals auf der Plattform oekonomenstimme.org publiziert worden.