Abstract und Fragen der Redaktion: Finanzwirtschaft und Realwirtschaft klaffen auseinander: hier eine immer strengere Kultur der Garantie- und Haftungsverpflichtungen, dort eine immer spekulativere Kultur der Ausschlagung jeglicher Haftung für Schäden der Bankkunden, dies mit offizieller Genehmigung durch die Finanzmarktaufsicht. Die Finanzwirtschaft dient nicht mehr der Realwirtschaft. Das muss korrigiert werden.
- Haben Sie Beispiele der Garantiekultur bzw. der Täuschungskultur erlebt?
- Was müsste aus der Kultur der Realwirtschaft in jene der Finanzwirtschaft übertragen werden?
Tag für Tag werden wir überschwemmt mit hektischen News und Facts aus der Wirtschaftswelt. Tag für Tag verwirren uns Börsenkennziffern, frisierte Firmenverlautbarungen und besonders aufs Jahresende hin unkritisch zitierte Prognosen irgendwelcher Wirtschafts- oder Börsengurus. Und kaum jemand ist in der Lage, diese Informationsflut einzuordnen. Zum Jahreswechsel sollten wir für einmal die langfristigen Trends in einem breiteren Blickwinkel betrachten.
Der langfristige Trend besteht, wie früher schon beschrieben, in einer Auseinanderentwicklung der Wirtschaft in zwei Kulturen, - in eine Garantiekultur in der Realwirtschaft und eine Täuschungs- und Spekulationskultur im Finanzsektor von Banken, Versicherungen und Vermögensberatung.
Die Realwirtschaft, also die Produktionsbetriebe von Gewerbe und Industrie, der Detailhandel und die Anbieter von realen Dienstleistungen, verfolgen immer mehr eine Garantiekultur: mehr Garantiepflichten, mehr Übernahme der Haftung, mehr Qualitätssicherung und Deklarationspflicht, neu sogar eine Rückverfolgung bis zum Hersteller. Wenn eine neue Autoserie einen Fehler aufweist, werden hunderttausende von Neuwagen zurückgerufen. Wenn bei einem Grossverteiler ein schadhaftes Produkt im Regal auftaucht, nimmt er dieses anstandslos zurück. Und wenn ein Exporteur eine Maschine mit Defekt nach Asien geliefert hat, schickt er sofort einen Monteur dorthin zum Reparieren.
