Anita Bäumli

„Occupy!“

Die Besetzung öffentlicher Räume mit hohem Symbolgehalt – Wallstreet oder Paradeplatz – lässt uns hoffen, dass sich die Zivilgesellschaft einmischt ins zügellose Finanztreiben. Die Besetzerinnen und Besetzer stellen öffentlich die Frage nach unserer persönlichen Haltung und unserem Engagement – besetzen wir mit? Und wenn ja, was? Und wenn ja, wozu? Und sie haben neue Formen der Kommunikation ausprobiert, die die Menschen einander näher bringen.

Der 17. September 2011 war der Tag der Kriegserklärung: Occupy Wallstreet! lautete der Schlachtruf, dem rund 1000 Menschen auf dem „Liberty Square“ (so wurde der Zuccotti Park in Lower Manhattan von den Besetzern umbenannt) in New York gefolgt sind. Die Bewegung breitete sich blitzartig auf über 100 Städte in den USA und über 1'500 Städte weltweit aus.Ziel der Bewegung ist es, das 1% der Bevölkerung, das aufgrund seines Reichtums die Regeln einer unfairen globalen Wirtschaft bestimmt und damit 99 % der Menschen „besetzt hält“ anzuprangern. Als Vorbilder für diese Aktionen wird von den Aktivisten immer wieder die Besetzung des Tahrir-Platzes in Kairo und die Bewegungen des arabischen Frühlings genannt.

Paradeplatz statt Wallstreet

Am 15. Oktober versammelten sich auch in Zürich gegen 1000 Demonstrierende auf dem Paradeplatz, dem Herz der Zürcher Grossbankenwelt. Es gelang ihnen jedoch nicht, sich definitiv auf dem Platz zu einzurichten. Nach Ausweichcamps auf dem Lindenhof und später auf dem Gelände der refomierten Kirche Aussersihl, löste sich das Zeltlager wieder auf. Was in der Schweiz wie ein kurzes Aufblitzen bald wieder verschwunden ist, hält sich in den USA weit hartnäckiger: "Occupy will never die; Evict us, we multiply!" so der Leitspruch auf der homepage der Bewegung am 12. Dezember 2011. http://occupywallst.org

occupy

Explizit politische Forderungen wurden keine formuliert, viel eher war es ein durch die physische Präsenz an symbolträchtigen Orten zum Ausdruck gebrachtes Unbehagen über eine Gesellschaft, die sich fast ausschliesslich an ökonomischen Kriterien orientiert. Es war ein Demonstrieren und damit ein Nachweisen, dass es einen anderen Umgang miteinander braucht, direkter, langsamer und offener.

Die Occupy-Bewegung nennt ihre Camps und Demonstrationen Asamblea (spanisch, Versammlung). Der Begriff geht auf die Proteste in Spanien 2011 zurück und steht für eine öffentliche Versammlung mit Diskussion, in der jeder, auch zufällig anwesende, Teilnehmer Beiträge zur Diskussion und Entscheidungsfindung leisten kann. Die Versammlungen orientieren sich an den Grundsätzen der Basisdemokratie und konsensualen Entscheidungsfindung (Einstimmigkeit). Aus gegensätzlichen Positionen heraus sollen neue Ansätze entwickelt werden. Die Asamblea stützt sich auf das Paradigma kollektiver Intelligenz und sieht sich als Gegenentwurf zu konkurrenzorientiertem Kampf. Die Teilnehmer sprechen nacheinander, was das aufmerksame Zuhören ermöglicht.

Bei den täglichen Versammlungen auf der Liberty Plaza muss auf (Akustik-)Technik verzichtet werden: Die Stadtverwaltung hat die Verwendung von Verstärkern und Megaphonen untersagt. Um trotzdem eine Kommunikation stattfinden zu lassen, bedienen sich die Demonstranten einer auf den Namen „Human Microphone“ getauften Technik. Jeder Beitrag eines Einzelnen wird von einem Sprechchor wiederholt, sodass er auf dem ganzen Platz verstanden werden kann. Das „Human Microphone“ bietet Vorteile: Durch die langsamere Vortragsweise ist es leichter, dem Redefluss des Sprechers zu folgen.


Damit der aktuell stattfindende Redebeitrag nicht unterbrochen wird, stehen den Zuhörern Hand- zeichen aus der Gebärdensprache zur Verfügung, um ihre Zustimmung oder Ablehnung auszu- drücken: das Wedeln mit den Händen mit nach oben gestreckten Armen bedeutet Zustimmung, Ablehnung wird signalisiert, in dem die Handgelenke abgeklappt werden. Ein Veto, das durch Kreuzen der Arme signalisiert wird, kann den gemeinsam beschlossenen Konsens verhindern. Ausserdem kann man signalisieren, dass man weiss, worauf der Sprecher hinaus will, dass man vom Thema abweicht oder dass der aktuelle Beitrag in eine Arbeitsgruppe gehört.


Die Occupy-Bewegung hat eindrückliche Denkanstösse gegeben. Die Frage stellt sich, ob eine direkte und offene Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, auch bei sehr grossen Gruppen, nicht zu einer veränderten Entscheidfindung in unseren Unternehmen führen könnte – der Versuch wäre es wert.
Die kommenden Feiertage bieten bestimmt Zeit und Räume, öffentliche und private, um schon einmal im kleineren Kreise das eigene Kommunikationsverhalten zu reflektieren und zu schauen, ob anders diskutieren nicht auch zu anderen Resultaten führt.

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