Anita Bäumli

Flexibel oder prekär?

Die Fragmentierung der Arbeit in Jobs, Projekte, Teilzeitstellen, befristete Auf-gaben und Arbeit auf Abruf wirkt sich auf soziale Zusammenhänge aus und verun-möglicht vielen Menschen den Aufbau einer kontinuierlichen Berufsbiografie.

Eine kleine, unscheinbare Meldung der Schweizerischen Depeschenagentur sda vom 19.9.2011, leicht zu übersehen zwischen den grossen Headlines der Zeitungen:

„Mehrere hundert Post-Angestellte haben am Samstagnachmittag in Bern gegen das Rationa­lisierungsprojekt „Distrinova“ demonstriert. Sie befürchteten, dass bei der Briefzustellung Vollzeit­stellen in Teilzeitstellen umgewandelt werden. Mit „Distrinova“ will die Post die Briefzustellung weiter automatisieren und damit 270 Stellen einsparen. Entlassungen soll es nicht geben.“

Was bedeutet eine solche Meldung für die soziale Sicherheit von Arbeitnehmern? Ich lade Sie ein, mit mir ein wenig darüber nachzudenken: Wenn Vollzeit- in Teilzeitstellen umgewandelt werden, heisst das z.B. 50 % Arbeit, heisst also auch 50 % Lohn. Und wer bezahlt die zweite Hälfte des notwendigen Einkommens? (Ich gehe davon aus, dass ein 50%-Lohn eines Mitarbeiters, einer Mitarbeiterin der Briefzustellung kein genügendes Auskommen für ein anständiges Leben ergibt). Für eine Mitarbeiterin der Briefzustellung kann das dazu führen, dass sie eine zweite Anstellung zu ebenfalls 50 % suchen muss, beim RAV (Regionalen Arbeitsvermittlungzentrum) anhängig wird, und es kann mit der Zeit dazu führen, dass sie den Gang zum Sozialamt antreten und sich dann als Mitglied der neuen „Kategorie“ der working poor fühlen muss: Willkommen im Prekariat.

Die kleine Meldung verweist auf einen grundlegenden Wandel der Arbeitswelt, den Anstellungs­verhältnissen und damit der direkten Wirkung auf das soziale Leben der ArbeitnehmerInnen.

Vollzeitstellen nehmen tendenziell ab, sie werden ersetzt durch zeitlich befristete An-stellungen, durch Leiharbeit, durch Projektarbeit oder Praktika ohne Sicherheit auf Kontinuität und Weiterbeschäftigung, durch Arbeit auf Abruf. Solche prekären Ar-beitsverhältnisse haben in der Schweiz zwischen 2001 und 2008 von 120’000 auf 140'000 Stellen zugenommen, d.h. von einem Anteil von 2.9 % auf 3.3 % der Erwerbs-tätigen gemäss SAKE-Statistik.[1] Auf den ersten Blick ist das nicht viel, die stei-gende Tendenz sollte uns jedoch achtsam werden lassen. Mit Blick auf die Verhält-nisse in unseren Nachbarländern lässt sich voraussagen, dass diese Zahlen weiter steigen werden und noch mehr Menschen als heute dauerhaft unter solchen Umstän-den arbeiten müssen, d.h. Angehörige des Prekariats werden.

Wir bezeichnen Arbeitsverhältnisse dann als ‚prekär’, wenn sie zu zeitlicher, ökonomischer und Schutz-Unsicherheit führen und das Einkommen unter dem Medianlohn liegt. (vgl. Anmerkung 1)

Die Fragmentierung des individuellen beruflichen Curriculums wird zur Normalität, der Umgang mit prekären Arbeitsverhältnissen muss zu einer neuen Kompetenz von ArbeitnehmerInnen werden. Das Jonglieren mit Arbeit / Nicht-Arbeit wird zu einer dominierenden Aufgaben. Damit einher geht der Verlust sozialer Zusammenhänge, die durch virtuellen communities nur dürftig ersetzt werden können.

Auch die schönfärberische Bezeichnung solcher Arbeitsformen mit „Neue Selbständigkeit“ und „Ich-AG“ verschleiern nur ungenügend deren negative soziale Auswirkungen.

Solche Arbeitsformen können für gut ausgebildete BerufseinsteigerInnen zeitweise attraktiv sein. Für Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, Schwierigkeiten haben, die heute geforderten Leistungen zu erbringen, werden sie zu Fallstricken, die zu Stress, zu Gefühlen des Ungenügens, zu Krankheit und zum Ausstieg aus der Erwerbswelt führen. Unsicherheit ertragen viele Menschen schlecht, sie werden in ihrer existenziellen Lebensverankerung erschüttert und zweifeln an ihren Fähigkeiten. Menschen, die bereits mit einer Leistungsbeeinträchtigung leben müssen, verlieren ohne stabile Einbettung in Berufszusammenhänge noch leichter den Anschluss, ganz besonders gilt dies für diejenigen Menschen, die aus psychischen Gründen nicht zu 100 % arbeits- und leistungsfähig sind.

Dass es auch anders geht zeigt die Basler Firma Johnson Controls.[2] Deren Firmen-Gesamtarbeits­vertrag beschränkt den Anteil der Temporärangestellten, ein kleiner Erfolg gegen prekäre Arbeits­verhältnisse, der unbedingt Nachahmung finden sollte. Es liegt in der Verantwortung der Wirtschaft, die sozialen Folgen von Arbeits-zeitmodellen aktiv mitzudenken und bei Entscheiden in Betracht zu ziehen. Über die rein ökonomische Betrachtungsweise hinaus zählt für echt nachhaltiges Wirtschaften die soziale Dimension ganz besonders. Zumal es immer auch um das Schicksal jedes einzelnen Menschen geht.

Lektüretipps für Diejenigen, die sich weiter informieren möchten:
Katja Kullmann  „Echtleben“, Eichborn Verlag, 2011.
Die Journalistin schildert, mitten aus ihrem eigenen Leben und ihrer eigenen Erfahrung, wie sich prekäre Arbeitsverhältnisse, Abhängigkeit von Hartz IV, und Aufrechterhaltung einer Fassade der Lockerheit und Nonchalance auf Menschen auswirken. In Berlin, aber – sehr gut vorstellbar – auch in Zürich, Basel, Genf und Lugano.

 Mehr zum Thema auch in einer Studie im Auftrag der Aufsichtskommission für den Ausgleichsfonds der Arbeitslosenversicherung: „Prekäre Arbeitsverhältnisse in der Schweiz“. Verfasst von ECOPLAN, neueste Überarbeitung 2010

http://www.seco.admin.ch/dokumentation/publikation/00004/00005/01716/index.html?lang=de 

Eine knappe Zusammenfassung der Studie findet sich auch in: Die Volkswirtschaft, 10-2010, S. 55 ff


[1] Quelle: SECO: Definition und Identifikation atypisch-prekärer Arbeitsverhältnisse.

[2] Meldung im Tages-Anzeiger 1.10.2011

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Gast

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