Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt?

Abstract und Fragen der Redaktion: Alle reden von der Wiedereingliederung Invalider in den Arbeitsmarkt und sehen sie gesetzlich vor. Aber die Gesellschaft will keine wirkliche Integration. Alles bleibt bei Appellen an die Freiwilligkeit. Das Problem wird nur verwaltet.

  • Stimmt das mit Ihren persönlichen Erfahrungen überein?
  • Sehen Sie eine Alternative?

Ich knüpfe mit meinen Überlegungen an die politischen Entscheide der Wintersession des National- und Ständerats an: mit der beschlossenen Revision des Invalidengesetzes sollen rund 17’000 Personen, die heute eine Invalidenrente beziehen, diese Rente verlieren und wieder in den ersten Arbeitsmarkt eingegliedert werden. Grundsätzlich eine ausgezeichnete Idee, die dem Grundsatz „Arbeit vor Rente“ folgt.

Aber wer ist der erste Arbeitsmarkt?

Sind es die Tausende von Klein- und Kleinstbetrieben, die die Schweizer Gewerbelandschaft ausmachen, diejenigen mit maximal 10 Mitarbeitenden, die meist eh schon ums Überleben kämpfen? Sind es die Grossbetriebe mit Tausenden von Mitarbeitenden – da hätte es doch gäbig noch etwas Platz für einige Stellen. Aber das sind auch die Betriebe mit den strengsten Controllern und den unerbittlichen Headcount-Vorgaben – also keine Chance auch hier?

Sind es die kommunalen Verwaltungen, also diejenigen Stellen, bei denen die betroffenen Menschen wohl eh ankommen werden, nachdem sie einen langen Weg von Wiedereingliederungsmassnahmen durchlaufen haben, nämlich die Fürsorge der Gemeinde mit den letzten Auffangnetz, der Sozialhilfe?

Ich wage eine pointierte These:

Die Gesellschaft will keine wirkliche Integration, niemand von all den erwähnten Orten der Arbeit kommt im Kollektiv, also als Verbände der Arbeitgeber, des Gewerbes, der Sozialdirektorenkon­ferenzen etc. über die Appelle an die Freiwilligkeit oder über die Verwaltung des Problems hinaus. Griffige Mass­nahmen, und das muss keinesfalls nur der Zwang zur Beschäftigung von Menschen mit Leistungs­beeinträchtigung sein – Fantasie ist gefragt! – fehlen in der öffentlichen Diskussion fast vollständig.

Also werden die betroffenen Menschen auch in Zukunft auf den Goodwill Einzelner angewiesen bleiben, ein gesellschaftliches Problem wird individualisiert und harrt dort der Lösung. Selbstverständlich gibt es einzelne UnternehmerInnen, die ihre soziale Veranwortung wahrnehmen, aber unkomplizierte Gesamtlösungen gibt es nicht.

3 Kommentare

  • René Levy
    16.06.2011 at 07:18 | Reply

    Ich würde nicht „die Gesellschaft“ fürs Fehlen wirksamen Handelns verantwortlich machen, sondern jene EntscheidungsträgerInnen, die die Hebel für solches Handeln in den Händen halten. Eine wirksame Alternative wäre, sorry, ein Quotensystem: in Abhängigkeit von der Stellenzahl werden Unternehmen verpflichtet, ein Minimum Behinderter anzustellen, und kleinere Unternehmen (die vielen KMU in der Schweiz) zahlen stattdessen einen ebenfalls proportionalen Beitrag in einen Integrationsfond. Irrtum vorbehalten gibt es ein solches System beispielsweise in Frankreich.

    • Anita Bäumli
      21.06.2011 at 07:18 | Reply

      Quoten sind ein mögliches Regelsystem für Benachteiligungen aller Art. Wir kennen sie in der Schweiz in unserem politischen System seit Jahrhunderten; d.h. wir haben eigentlich ein feines Sensorium dafür, dass alle an der Gesellschaft beteiligten Gruppen bei politischen Prozessen adäquat repräsentiert sein sollen, die Welschen, die Religionsgruppen etc. etc. Darauf sind wir stolz und damit begründen wir u.a. die Stabilität unseres Landes. Für die „Minderheit“ der Frauen hat es ‚etwas länger‘ gedauert, aber 1971 hatten wir auch das geschafft, allerdings betrifft dies nur das politische System. In der Wirtschaft – und daran hat das Jubiläum 20 Jahre Frauenstreik am 14. Juni erinnert – dauert es noch. Zwar ist viel passiert, aber noch immer sind Frauen in Führungspositionen und Verwaltungsräten total untervertreten und bis zum Erreichen der Lohngleichheit wird es wohl noch Jahrzehnte gehen – ein Triumph, den eher meine Enkelin feiern wird als ich. Die beschriebenen Quotensysteme kombiniert mit Finanzabgaben bei Nichterfüllung gibt es in fast allen Ländern rund um die Schweiz. Dieser Vorschlag wurde auch von der nationalrätlichen Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit im Rahmen der IVG Revision 6a formuliert, dort sogar angenommen, aber im Rat selbst sofort wieder eliminiert mit dem Hinweis, Zwang führe zu nichts, es brauche die Freiwilligkeit der Wirtschaft. Und wie Frau weiss, dauert es dann aber halt schon sehr sehr lange! Ich unterstütze eine Quote für Arbeitsplätze für Menschen mit Leistungsbeeinträchtigung, es gilt jedoch, gut darüber nachzudenken, was mit den zu bezahlenden Geldern geschieht. Vorgesehen war, diesen sich rasch füllenden Topf – die Firmen zahlen lieber, als dass sie beschäftigen, dass ist eine der Erfahrungen aus Deutschland – durch die Invalidenversicherung verwalten zu lassen. Und damit sind wir wieder bei der These ‚wir verwalten lieber, als dass wir wirklich integrieren‘. Eine kürzlich publizierte Studie bewertet die Integrationsleistungen der IV als ausgesprochen schlecht. Soll also gerade ein schlecht funktionierendes Integrationssystem mit zusätzlichen Geldern aufgebläht werden, ohne dass in grossem Rahmen Arbeitsplätze geschaffen werden – und das müssen sie. Es gibt diese Arbeitsplätze heute nicht. Jemand, viele, müssen dafür sorgen, dass sie entstehen. Es braucht Überzeugungsarbeit, dass eine Behinderung in einem bestimmten Leistungsbereich nichts daran ändern, dass Menschen vollwertig und ganz sind. Dieses Umdenken in der Wirtschaft kommt, selbstverständlich mit Ausnahmen, nicht über Lippenbekenntnisse hinaus. Hier ganz neue Wege zu finden wäre wunderbar.

  • Herbst HERBERT
    7.10.2016 at 09:43 | Reply

    Das wäre nicht nur wunderbar, das wäre eine Tilgung einer Rechtsschuld, denn JEDER in unsrer hoch-entwickelten Gesellschaft hat ein Recht auf angemessene Arbeit, nicht auf Abschiebung in Heimen mit fürsorglicher Betreuung !

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Über den/die Autor/in

Anita Bäumli

lic. phil.,Historikerin und Psychologin,

Inhaberin der Firma AAA Kommunikation für Team- und Organisationsentwicklung,

Mitbegründerin und Vizepräsidentin des VR DieSozialFirma AG,

Präsidentin des Vereins Noveos,

ehemalige Direktorin der Wirtschaftskammer Schweiz-China,

Gründungsmitglied des Vereins „frauen.unternehmen“