Unternehmen in der Ära Trump – oder: The business of business is politics

 

Nie zuvor haben Amtshandlungen eines demokratisch gewählten Staatsoberhauptes derart heftige Reaktionen hervorgerufen wie diejenigen von Donald Trump. Besonders brisant daran ist, dass Proteste nicht nur von der Zivilgesellschaft stammen, sondern dass auch Unternehmen enorm politisiert werden.

Dabei gehen Unternehmen ganz unterschiedlich mit den neuen Gegebenheiten um. Es lassen sich grob drei Verhaltensweisen unterscheiden:

  • Proaktive Profilierung und politscher Aktivismus
  • Positionsbezug auf Druck von aussen
  • Wirtschaftlicher Fokus und Schein-Neutralität

Proaktive Profilierung und politischer Aktivismus

Besonders Unternehmen, die bereits in der Vergangenheit pointiert Stellung bezogen zu politischen Themen – man denke beispielsweise an das starke Engagement verschiedener Unternehmen für die Homosexuellen-Ehe – , verfolgen diese Strategie seit Trumps Amtsantritt umso vehementer. Dies wurde besonders deutlich im Zusammenhang mit Trumps Travel Ban, der in seiner ersten Version Angehörigen aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern die Einreise in die USA verbieten wollte. Der Travel Ban rüttelt direkt am weit verbreiteten Verständnis der USA als weltoffene Einwanderernation. So reichten insbesondere Tech-Unternehmen wie Google, Facebook, Apple, etc. einen sogenannten ‚amicus brief’ beim obersten Gerichtshof ein, um gegen das Dekret zu protestieren. In ihren öffentlichen Stellungnahmen beriefen sie sich explizit auf ihre moralischen und politischen Überzeugungen. So schrieb Apple-CEO Tim Cook in einem Memo an Apples Angestellte: „Apple ist offen. Offen für alle, egal woher sie kommen, welche Sprache sie sprechen, wen sie lieben oder wie sie beten.“ Microsoft-CEO Satya Nadella liess verlauten: „Wir glauben, dass Einwanderungsgesetze dazu da sind, die Öffentlichkeit zu schützen ohne die Meinungsfreiheit oder die Glaubensfreiheit einzuschränken“. Auch wenn die Unternehmen gleichzeitig hervorhoben, dass der Travel Ban ihre wirtschaftlichen Interessen als Arbeitgeber von Mitarbeitern aus aller Welt direkt verletze, war es ihnen ein Anliegen, ihre Ablehnung auch moralisch zu untermauern.

In der Öffentlichkeit, oder zumindest innerhalb meiner progressiven europäischen Filterblase, stösst das Vorgehen dieser Unternehmen auf grossen Anklang.

Positionsbezug auf Druck von aussen

Andere Akteure reagieren erst auf Druck der Öffentlichkeit, die mit Argusaugen verfolgt, wie sich Unternehmen zum neuen US-Präsidenten stellen. So ruft beispielsweise die Website grabyourwallet.org zum Boykott von Firmen auf, die geschäftliche Beziehungen zur Trump-Familie pflegen. Besonders prominent sind Aufrufe gegen Unternehmen, welche die Kleiderkollektion von Ivanka Trump vertreiben. Sobald ein Unternehmen seine Beziehungen zum Trump-Clan beendet, wird der Boykottaufruf fallengelassen. Auch Uber-CEO Travis Kalanick erfuhr die Macht der Öffentlichkeit am eigenen Leib, als ihm seine geplante Teilnahme in Trumps ‚Business Advisory Group’ als Unterstützung für den Präsidenten ausgelegt wurde. Nach einer viralen Kampagne, in deren Verlauf Tausende Nutzerinnen und Nutzer ihre Uber-App löschten, entschied sich Kalanick zu einem Rückzug und betonte, dass der Travel Ban nicht mit Uber’s Werten vereinbar sei. Mit diesem Verhalten gelang Uber zumindest vorübergehend eine Schadensbegrenzung. Diese wurde allerdings mittlerweile zunichte gemacht durch neue Skandale.

Wirtschaftlicher Fokus und Schein-Neutralität

Und schliesslich gibt es auch Unternehmen, die sich bemühen, durch eine strikt ökonomische oder legalistische Argumentation von der politischen Brisanz ihrer Entscheidungen abzulenken. Diese Strategie verfolgen offensichtlich Bauunternehmen im Zusammenhang mit dem geplanten Bau der Mauer entlang der Grenze zu Mexiko. In diametralem Gegensatz zum politischen Aktivismus der Tech-Unternehmen beim Travel Ban, geben sich die Bauunternehmen grösste Mühe, so zu tun als wäre der Mauerbau ‚business as usual’. Bereits am Tag nach Trumps Wahl brüstete sich der Chef der Heidelberg Cement damit, dass sein Unternehmen durch seine Präsenz im Südwesten der USA gut gerüstet sei für eine Mitwirkung am Mauerbau. Zeitgleich mit der öffentlichen Empörung über diese Äusserung sprang der Aktienkurs in die Höhe. Inzwischen wird deutlich, dass Heidelberg Cement kein Einzelfall, sondern nur ein ‚early mover’ war. Seit Trumps Mauerbaupläne konkreter geworden sind, zeigen weitere Unternehmen Interesse daran, dieses umstrittene Projekt umzusetzen. So liess der Zementkonzern LafargeHolcim, soeben unter Beschuss geraten durch geschäftliche Beziehungen zum IS in Syrien, sich bereits als Interessent eintragen in einer Ausschreibung für einen Prototypen der Mauererweiterung. Sein Interesse begründet der Konzern damit, dass sie als grösster Zementproduzent „bei allen entscheidenden Infrastrukturprojekten mitmachen“ würden. Dass die geplante Mauer eine ganz andere Art von ‚Infrastruktur’ darstellt als eine zusätzliche Spur auf einem Highway in Tennessee, wird hier tunlichst ausgeblendet. Auch der Schweizer Bauchemiehersteller Sika liess kürzlich verlauten, dass sein Unternehmen „in welcher Form auch immer“ am Mauerbau beteiligt sein werde.

Die Öffentlichkeit begnügt sich aber offensichtlich nicht mit rein ökonomischen Argumenten in einer politisch derart sensiblen Angelegenheit. Den Bauunternehmen wird vorgeworfen, mit ihrem Geschäftsinteresse Trumps restriktive Einwanderungspolitik zu unterstützen und der Verletzung von Menschenrechten Vorschub zu leisten. Und prompt krebst Sika zurück, allerdings mit einer lauwarmen Erklärung. Ähnlich verhielt sich auch der deutschen Bauriesen Hochtief.

The business of business is politics

Alle diese Beispiele zeigen, dass Unternehmen in der Ära Trump mehr denn je zuvor politisiert werden, oder, um es in Abwandlung von Milton Friedmans berühmtem Diktum zu sagen: the business of business is politics. Und wie in der klassischen Politik auch, hat jeder (corporate) Citizen das Recht, seine eigene politische Meinung zu bilden. Doch gleichzeitig hat er die Pflicht, Verantwortung zu übernehmen. Das Verstecken hinter rein ökonomischen Argumenten funktioniert im Jahr 2017 definitiv nicht mehr.

 

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Über den/die Autor/in

Dorothea Baur

Dr. rer. publ. HSG, Politikwissenschafterin/Wirtschaftsethikerin
Selbständige Beraterin und Inhaberin von Baur Consulting AG
Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten
Vorstandsmitglied der Ethos Académie
Diverse Publikationen im Bereich Corporate Social Responsibility