Spendenaktionen von Unternehmen – nicht hinreichend, aber durchaus notwendig

 

Alles in mir drin sagt „Dieselskandal! Schreib was zum Dieselskandal.“ Der Skandal gäbe einiges her für diese Kolumne. Schliesslich manifestiert sich im Verhalten der Automobilhersteller und der Politik ein moralisches Versagen auf vielen Ebenen. Allerdings haben schon viele weise Männer (ja, die Meinungsbildung liegt scheinbar fest in männlicher Hand) auf Wirtschaftsredaktionen und anderswo die Gunst der Stunde genutzt, und pointierte Meinungen zum Thema veröffentlicht.

Es sei mir deshalb erlaubt, mich einem zeitlosen Thema zu widmen, nämlich der Frage nach Sinn und Unsinn von karitativem Engagement von Unternehmen.

Spendenaktionen wie auch Philanthropie insgesamt werden in der CSR-Debatte eher abschätzig behandelt und mitunter zu Recht als reine PR-Massnahme abgetan. Ein Unternehmen kann niemals glaubwürdig ‚wohlgesonnen’ sein, wenn es grosszügig Spenden verteilt, während es sich in seinem Kerngeschäft über fundamentale moralische Normen hinwegsetzt. So kann man sich beispielsweise fragen, ob Amazon von den miserablen Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeitenden ablenken will, wenn sie ihre Kundschaft auffordern, mit 0.5% der Summe ihrer Einkäufe eine soziale Organisation zu unterstützen.

Auch bei weniger offensichtlichen Diskrepanzen zwischen Kerngeschäft und Spendenengagement, wird letzteres oft mit Naserümpfen betrachtet. Philanthropie erweckt den Eindruck, dass Unternehmen sich freikaufen wollen von ihrer Verantwortung. Doch ist das wirklich immer so?

Nehmen wir folgendes Beispiel: 2015 sammelte Chiquita durch Bananenverkäufe zusammen mit dem Schweizer Retailer Volg mehr als 10’000 CHF, die in den Bau eines Ernährungszentrums für Kinder in Theobroma, einer Gemeinschaft mitten im Bananenanbaugebiet Panamas, flossen.

Ganz ehrlich: wäre ich ohne jegliches Wissen über Chiquita auf diese Spendenaktion gestossen, hätte ich mir gedacht: „Geht’s noch? Es kann ja nicht sein, dass wir über eine Charity-Aktion hier ein Ernährungszentrum für die Kinder von Chiquita-Arbeitern finanzieren müssen. Es liegt ja wohl in Chiquitas Verantwortung, ihnen einen Lohn zu zahlen, mit dem sie ihre Kinder anständig ernähren können. Ein klassischer Fall von Greenwashing!“.

Nun wusste ich aber aufgrund intensiver Beschäftigung mit Chiquitas CSR, dass die Umstände hier um einiges komplexer waren. Denn ich war im Jahr 2014 selber in der betreffenden Gemeinde. Dort sah ich, dass Arbeiter von Chiquita und einer Fairtrade-Kooperative in einer illegalen Siedlung unter erbärmlichsten Umständen lebten. Unter- oder Mangelernährung, Verschuldung, Alkoholismus, sexuell übertragbare Krankheiten, häusliche Gewalt, Teenage-Schwangerschaften etc. waren an der Tagesordnung.

Unterkunft Theobroma

Unterkunft in Theobroma

Gleichzeitig sah ich aber auch, dass Chiquita ihrer Verantwortung als Arbeitgeber in verschiedenen Aspekten gerecht wurde: Chiquita bezahlte (gemäss SA8000 Zertifizierung) ‚living wages’, sie ermöglichten den Arbeitern Zugang zur Gesundheitsversorgung und sie respektierten die Gewerkschaftsfreiheit – um nur einige der Aktivitäten zu nennen. Ähnliches galt wohl auch für die Fairtrade-Kooperative, deren Arbeiter in derselben Situation lebten. Die lokalen Umstände aber waren derart „verzwickt“, dass alle diese ‚Kern-Massnahmen’ nichts nützten. Die Gemeinschaft, um die es sich handelte, bestand vorwiegend aus Indigenen, die weit weg von ihrem Stammesgebiet Arbeit suchten und dabei vollkommen entwurzelt wurden. Sie stammten aus einer Kultur mit einer hohen Akzeptanz für Polygamie und einer konservativen Einstellung gegenüber Frauen. Das bedeutete, dass Familien oft sehr kinderreich waren (mit einem Mann, mehreren Ehefrauen und mehreren Kindern pro Ehefrau), dass aber gleichzeitig die Erwerbstätigkeit von Frauen abgelehnt wurde.

Chiquita waren zudem in einigen Punkten die Hände gebunden. Da es sich um eine illegal errichtete Siedlung handelte, war bis vor kurzem die Bereitstellung von Strom und Wasser gesetzlich verboten. Programme zur Integration von Frauen in die Arbeit auf Plantagen scheiterten an kulturellen Hürden.

Was konnten sie also tun? Letztlich blieb ihnen nur noch übrig, ‚caritas’ im wörtlichen Sinne zu üben, nämlich Nächstenliebe. Dies taten sie, indem sie unter anderem finanzielle Unterstützung für ein Kinderheim in der Umgebung leisteten, welches sich um unterernährte und vernachlässigte Babys kümmerte, sowie für das obengenannte Ernährungszentrum.

Kinderheim Theobroma

Kinderheim für unterernährte und vernachlässigte Babys in der Nähe von Theobroma

Während solche Spendenaktionen also auf den ersten Blick Wasser auf die Mühlen von selbsternannten Greenwashing-Detektiven sind, zeigt sich beim genaueren Hinschauen, dass ‚charity’ bei Problemen, die derart komplex sind, dass sie über klassische CSR-Kern-Massnahmen wie ‚höhere Löhne’ nicht gelöst werden können, keineswegs nur schöne Dekoration ist, sondern vielmehr eine moralische Pflicht.

Die Herausforderung für Unternehmen liegt darin, sicherzustellen, dass ihre Stakeholder die Komplexität der Situation verstehen und ihre karitativen Bemühungen als Ausdruck einer ernstgemeinten Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl anerkennen. Dies bedingt Transparenz, selbstkritische Reflexion und nicht zuletzt gutes ‚story-telling’. Wenn eines dieser Elemente fehlt, sind Missverständnisse vorprogrammiert – nicht zuletzt auf Kosten derjenigen, für welche die Spenden eigentlich gedacht sind.

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Über den/die Autor/in

Dorothea Baur

Dr. rer. publ. HSG, Politikwissenschafterin/Wirtschaftsethikerin
Selbständige Beraterin und Inhaberin von Baur Consulting AG
Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten
Vorstandsmitglied der Ethos Académie
Diverse Publikationen im Bereich Corporate Social Responsibility