Günstige Bananen – billige Werbung

Vor zwei Jahren führte ich im Auftrag einer Stiftung eine umfassende Analyse der sozialen Verantwortung von Chiquita durch. Dabei stellte sich unter anderem heraus, dass eine der Hauptherausforderungen für den Erfolg von Chiquitas CSR darin besteht, dass der Bananensektor einer der am härtesten umkämpften Märkte der Welt ist. So betrug die Gewinnmarge von Chiquita über Jahre hinweg im Schnitt nur gerade 1%.

Ein Grund für dieses bescheidene Ergebnis liegt darin, dass insbesondere in den beiden größten europäischen Absatzmärkten, Grossbritannien und Deutschland, Einzelhändler Bananen als Schlüsselprodukt in ihrem Preiskampf untereinander positionieren. Da sich die meisten Bananen kaum unterscheiden in Form, Größe und Geschmacksrichtung, entscheidet häufig der Preis über den Kauf (SÜDWIND, 2012b: S. 13). Hinzu kommt, daß viele Konsumentinnen und Konsumenten den Preis von Bananen im Unterschied zum Preis von anderen Produkten kennen und deshalb Veränderungen sofort registrieren. Dem Detailhandel wird vorgeworfen, dass er diesen Umstand zu seinen Gunsten nutzt, indem er mit Werbeaktionen für besonders günstige Bananen Konsumentinnen und Konsumenten in die Läden lockt – in der Erwartung, daß diese dann gleich auch noch andere Einkäufe erledigen (SÜDWIND, 2012b: S. 13).

In der Schweiz schienen solche Trends lange Zeit keine Rolle zu spielen. Denn zum einen ist hier der Einfluss der Discounter bedeutend schwächer als in Deutschland und Grossbritannien. In Deutschland hat die Dominanz von Aldi und Lidl dazu geführt, dass der Preis für Bananen ca. 30% unter dem in Frankreich und Italien und 15% tiefer als im übrigen Europa liegt. Noch tiefer sind die Preise in Grossbritannien, wo der Preiskampf im Einzelhandel zu einem massiven Preiszerfall geführt hat (BASIC, 2014: S. 12).

Zum anderen wirkt sich der Nachhaltigkeitswettbewerb zwischen den beiden größten Einzelhändlern Coop und Migros insbesondere auch positiv auf die Bananen aus: mit über 50% Marktanteil von Fairtrade-zertifizierten Bananen ist die Schweiz weltweit mit Abstand führend.

Man würde also denken, dass Auswüchse wie in anderen Ländern, wie zum Beispiel Holland, wo der Supermarkt Jumbo explizit mit einer Tiefpreisgarantie für Bananen wirbt, in der Schweiz nicht vorkommen.

Umso erstaunter war ich deshalb, als ich kürzlich über einen Coop-Papiersack stolperte, der  mit folgender Aussage für Prix Garantie Bananen warb: „Immer in Schale und trotzdem günstig.“

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Wo liegt das Problem?

Nicht überraschend zeigen Studien, dass der Preisdruck am Anfang der Lieferkette am schwersten wiegt. Das heisst, es sind nicht die anfangs erwähnten Importeure wie Chiquita, sondern in erster Linie die Bauern und Landarbeiter, die unter dem Preiskampf in der nördlichen Hemisphäre leiden.

Ein Blick auf die Verkaufspreise veranschaulicht das Problem: Wie soll ein Endverkaufspreis von ein bisschen mehr als 1.10 Franken (wie in Deutschland oder Holland) oder gar nur 85 Rappen (wie in Grossbritannien) pro Kilo Bananen die Kosten einer sozial und ökologisch nachhaltigen Produktion decken?

Die Preise für Bananen in der Schweiz liegen massiv über denjenigen in anderen europäischen Ländern. Sie bewegen sich aktuell zwischen ca. 2.95 und 3.60 Franken pro Kilo. Sie sind sogar dann überdurchschnittlich teuer, wenn man die unterschiedlichen Preisniveaus in Betracht zieht. Trotzdem lohnt es sich, wenn wir uns grundsätzlich vor Augen führen, welchen Einfluss tiefe Bananenpreise auf die Arbeits- und Lebensbedingungen von Bauern und Landarbeitern in den Herkunftsländern haben.

So errechnete eine Studie im Jahr 2014, dass nur gerade 6.7% des Verkaufspreises von ecuadorianischen Bananen an Arbeiter gehen. Der mit Abstand grösste Anteil, nämlich ganze 34.7% gehen an die Detailhändler, 11.4% an die Reiferei, 11.8% betragen die Zölle, 23.9% gehen an den Importeur, 5.5% an den Exporteur und 6.1% gehen an den Produzenten (BASIC, 2014: S. 25). Zwar legt Ecuador seit vielen Jahren einen offiziellen Mindestpreis für Bananen fest und hat in den letzten Jahren das staatlich garantierte Mindesteinkommen schrittweise erhöht. Allerdings werden die gesetzlichen Vorgaben nicht immer eingehalten. Die Unterschreitung des Mindestpreises bewirkt, daß sich die Lebensbedingungen der ecuadorianischen Bananenproduzenten weiter verschlechtern. Gerade Kleinbauern fühlen diesen Preisdruck in der Nebensaison (also im Sommerhalbjahr) besonders stark.

Was haben die tiefen Preise in Europa damit zu tun? Gemäss der Studie von BASIC üben Tiefpreismärkte wie der deutsche Markt starken Druck auf den ecuadorianischen Mindestpreis aus und befördern möglicherweise illegale Praktiken in Ecuador.

Hinzu kommen steil ansteigende Produktions- und Lebenskosten in den Bananengebieten. Und schliesslich verursachen auch die immer höheren Qualitäts- und Nachhaltigkeitsanforderungen, insbesondere für Compliance und Zertifizierung, Kosten. Diese werden meist von den Bauern getragen.

Was heisst das für Coop? Auch wenn der Bananenpreis in der Schweiz höher ist, auch wenn ein Arbeiter in Lateinamerika unter dem Strich an Bananen für den Schweizer Markt mehr verdient als an solchen, die in andere Märkte geliefert werden, und auch wenn alle Bananen, die Coop verkauft mit einem Nachhaltigkeitssiegel versehen sind, wirkt die Kampagne für günstige Bananen billig.

Sind günstige Bananen ein würdiger Leistungsausweis für ein Unternehmen, welches 2011 zum nachhaltigsten Detailhändler der Welt erkoren wurde?

Coop bewirbt seine Nachhaltigkeit mit dem Slogan „Taten statt Worte“. Fast möchte man sagen: Diese Worte hättest du dir sparen können.

Referenzen:

BASIC (2014). Analysis of German banana value chains and impacts on small farmers & workers. Online: http://lebasic.com/wp-content/uploads/2015/11/BASIC_German-Banana-Value-Chain-Study_Final.pdf

SÜDWIND (2012 b). Von der Staude bis zum Konsumenten. Die Wertschöpfungskette von Bananen. Online: http://www.suedwind-institut.de/fileadmin/fuerSuedwind/Publikationen/ 2012/2012-28_Von_der_Staude_bis_zum_Konsumenten._Die_Wertschoepfungskette _von_Bananen_Download.pdf

2 Kommentare

  • Jens Martignoni
    25.08.2016 at 22:07 | Reply

    Sehr gute Analyse, danke Dorothea. Insbesondere stossend, ja geradezu lächerlich, ist dieser Preiskampf, wenn man auf die reale „Ersparnis“ der Endkonsumenten schaut. Etwa 10.5 kg Bananen essen Deutsche pro Jahr (2013) à 1.10 sind das also 11.55 im Gegensatz zu den Schweizern, die für „überteuerte“ Bananen (ebenfalls ca. 10.5 kg pro Jahr) à z.B. maximal 3.00 dann 31.50 zahlen, also ganze gewaltige 19.95 „zuviel“. Diese absurden Schnäppchenjagden, die aber um effektiv minimale Geldbeträge lassen a) die Bauern im Süden darben, wie im Artikel beschrieben, dienen aber auch b) z.B. den Vermietern von Wohnungen, deren Preise seid vielen Jahren umhinterfragt steigen. Eine Monatsmietreduktion von 2.00 würde ja ausreichen, um die ganzen Bananenersparnisse zu übertreffen. Doch Mieter fordern sogar berechtigte Mietzinsreduktionen nicht ein, die sie um Welten mehr Geld sparen liessen, sondern gehen lieber zu Aldi und kaufen billigere Bananen. Es zeigt sich hier sehr schön, um was es wirklich geht: Um Machtverhältnisse. Von den Besitzenden von Immobilien zur Rentenerzeugung (und hier sind Eigenheimbesitzer definitiv nicht gemeint) wird das Geld den Mietern weggenommen, diese nehmen sich dann (zum Teil inzwischen auch notgedrungen) das Geld von den Bauern im Süden, statt sich gegen die „hausgemachte“ Ausbeutung zur Wehr zu setzen. Tja…

  • Ein Nachhaltigkeitskartell – (wo) gibt’s denn so was? | NSW / RSE
    20.11.2016 at 16:33 | Reply

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Über den/die Autor/in

Dorothea Baur

Dr. rer. publ. HSG, Politikwissenschafterin/Wirtschaftsethikerin
Selbständige Beraterin und Inhaberin von Baur Consulting AG
Lehrbeauftragte an der Universität St. Gallen
Vorstandsmitglied der Ethos Académie
Diverse Publikationen im Bereich Corporate Social Responsibility