Glencore in der Höhle des Löwen – oder CSR unter den Bedingungen eines Generalverdachts

Vor ein paar Monaten war ich an der Vorpremiere von ‚Trading Paradise’, dem Dokumentarfilm des Genfer Regisseurs Daniel Schweizer im neu eröffneten Kulturzentrum Kosmos mitten im Kreis 4 in Zürich. Der Film handelt von Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden von Rohstoffunternehmen in den Abbaugebieten in Peru, Brasilien und Sambia. Im Zentrum stehen die Konzerne Glencore mit Sitz in Zug und der in Saint-Prex (VD) angesiedelte brasilianische Bergbau-Konzern Vale. Die beiden Konzerne unterscheiden sich gemäss Film nur unwesentlich betreffend den Auswirkungen ihrer Aktivitäten: sowohl Glencore mit seinen Minen in Peru und Sambia als auch Vale im Amazonas wird vorgeworfen, gravierende Schäden für Mensch und Umwelt zu verursachen ohne die Verantwortung für diese zu übernehmen.

Unterschiedlich ist jedoch ihr Umgang mit der Kritik: während Vale dem Filmteam Interviews, geschweige denn den Zugang zu seinen Minen, kategorisch verweigert, stellt sich Glencore den Fragen und bemüht sich um Erklärungen – und zwar konsequent, über die Dreharbeiten hinaus, bis hinein ins Kulturzentrum Kosmos, wo zwei Glencore-Vertreter im Anschluss an die Filmvorführung gemeinsam mit dem Filmemacher und NGO-Vertretern auf einem Podium Platz nahmen.

Ich gratuliere zum Mut. Wussten die beiden Glencore-Vertreter, worauf sie sich eingelassen hatten? Wie geschickt sie die Fragen aus dem Publikum beantworteten, sei dahingestellt. Klar ist aber: Das Publikum im Kosmos liess nichts gelten – weder Meinungen noch Fakten.

So wies Glencore zum Beispiel darauf hin, dass eine wissenschaftliche Studie ergeben hätte, dass gehäufte Missbildungen und Totgeburten von Nutztieren in der Gegend der Tintaya-Antapaccay-Kupfermine in Peru nicht wie im Film behauptet das Resultat einer Verseuchung der Böden und des Grundwassers durch Schwermetalle aus der Mine seien, sondern schlechten Zucht- und Fütterungsmethoden geschuldet seien. Das Publikum quittierte diesen Hinweis mit einem Raunen, wenn nicht gar Buhen. Es war deutlich herauszuhören, dass dieser Studie prinzipiell misstraut wurde.

Aber lasst uns die Frage stellen: was wäre denn, wenn das wahr wäre? Wenn also wirklich nicht Glencore Schuld an diesen fatalen Umständen trüge? Wie sähe ein verantwortungsvoller Umgang mit den Anschuldigungen aus, insbesondere in einem Klima, in dem selbst wissenschaftlichen Erkenntnissen misstraut wird (zumindest dann, wenn sie von Glencore zitiert werden)?

Ich schlage vor, dass Glencore selber den Gegenbeweis erbringt, und zwar durch Taten. Wo Meinungen nicht akzeptiert und wissenschaftliche Fakten verworfen werden, bleibt noch der Tatbeweis als letzte Möglichkeit.

Glencore könnte im Rahmen ihres Community Development, welches unter der vielversprechenden Headline „Creating value for society“ auf ihrer Website aufgelistet wird, die Bevölkerung vor Ort durch die Vermittlung von Wissen zu Fütterung und Zucht unterstützen, um das Risiko von Fehlbildungen und der hohen Sterblichkeit unter Nutztieren zu minimieren.

Wichtig wäre, dass dies nicht als Schuldeingeständnis klassifiziert wird, sondern als logische Massnahme im Rahmen ihres Bekenntnisses, den Wohlstand und die Widerstandsfähigkeit (‚resilience’) der lokalen Gemeinschaften zu erhöhen, indem sie unter anderem den Zugang zu Bildung fördern. Die Kosten für solche Massnahmen sind ein Klacks für einen Konzern, der unter anderem dank geschickter ‚Steueroptimierung’ Millionengewinne verzeichnet.

Durch ein derartiges Engagement würde Glencore nicht nur der Bevölkerung helfen, sondern sich gleichzeitig einem Lackmustest unterziehen: würden die Tiere tatsächlich durch die Änderung der Fütterungspraxis und Zuchtmethoden gesund, gäbe ihnen die Studie recht. Falls nicht, bliebe der Verdacht wohl oder übel bestehen, die Bevölkerung würde weiter leiden, und ein Gegenbeweis wäre weiterhin vonnöten. Selbstverständlich könnte der Gegenbeweis nicht über Nacht erbracht werden, aber ehrlich gemeinte Nachhaltigkeit bedingt bekanntlich einen langen Atem.

Mir ist bewusst, dass mein Vorschlag im Kern bedeutet, dass die Beweislast dem Unternehmen aufgebürdet wird. Diese Idee ist nicht universalisierbar, denn es ist weder möglich noch wünschbar, von allen Unternehmen überall auf der Welt den aktiven Beweis zu verlangen, dass sie keine Schuld tragen an ökologischen und gesellschaftlichen Missständen in ihrem Umfeld. Unternehmen sind nicht a priori verdächtig.

Im Kontext von Minen aber, deren Betrieb ohne signifikante Umweltbelastung gar nicht möglich ist (so sinngemäss das Eingeständnis des Direktors einer Glencore-Tochterfirma in einem Rundschau-Beitrag zu Kohleminen in Kolumbien), gilt eine besondere Bedingung, nämlich der Generalverdacht. In diesem Kontext ist so eine Forderung, insbesondere dann, wenn das verdächtigte Unternehmen der einzige signifikante industrielle Akteur in einer Umgebung ist, legitim.

Schön wäre es deshalb, gelegentlich ein Follow-up zur Dokumentation von Trading Paradise zu sehen, und zwar eines mit Bildern von gesundem Nutzvieh und glücklichen Menschen. Ob das postfaktisch gestimmte Publikum im Kreis 4 auch hinter diesen Bildern nur eine bösartige Manipulation von Tatsachen wittern wird, sei dahingestellt; den Betroffenen vor Ort jedoch wäre eine Besserung der Situation von Herzen zu gönnen.

Kommentar schreiben

  

  

  

Über den/die Autor/in

Dorothea Baur

Dr. rer. publ. HSG, Politikwissenschafterin/Wirtschaftsethikerin
Selbständige Beraterin und Inhaberin von Baur Consulting AG
Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten
Vorstandsmitglied der Ethos Académie
Diverse Publikationen im Bereich Corporate Social Responsibility