Finanzkapitalismus oder: Was sich Karl Marx nicht hätte träumen lassen

 

G – W – G‘. So lautet nach Karl Marx die elementare Formel des Kapitalismus (in: Das Kapital, 1. Bd, 4. Kapitel: Verwandlung von Geld in Kapital). Während in der „einfachen Warenkalkulation“, die Marx in der Formel W – G – W abbildet, das Geld nur als Tauschmittel dient, kehrt sich im Kapitalismus das Zweck/Mittel-Verhältnis um: Es geht nicht mehr um den Gebrauchswert von produzierten und gehandelten Waren, sondern allein um die Geldvermehrung. Der Apostroph in G‘  symbolisiert den angestrebten „Mehrwert“ oder „surplus value“, den sich der „Kapitalist“, also der Eigentümer des als vermehrungsorientiert eingesetzten Geldvermögens, aneignet. Die Zirkulation allein bringt allerdings keinen Mehrwert hervor; dieser beruht auf der in Produkten und Dienstleistungen enthaltenen Arbeit. Je tiefer dabei der Lohn ist, der den beschäftigten Arbeitskräften bezahlt wird, umso höher ist der den Kapitalisten verbleibende Mehrwert. In der „Entfremdung“ der Lohnarbeiter von der Kontrolle über den Produktionsprozess ebenso wie vom Mehrwert der von ihnen erbrachten Leistung wurzelt nach Marx alle kapitalistische Ausbeutung. Ihr steht die fortlaufende „Akkumulation“ des volkswirtschaftlichen Vermögens bei der „Kapitalistenklasse“ (23. und 24. Kapitel) gegenüber.

Könnte sich Karl Marx die gegenwärtige kapitalistische Gesellschaft anschauen, würde er sich allerdings die Augen reiben. Er müsste erkennen, dass seine Formel nur das einfängt, was man neuerdings die „Realwirtschaft“ nennt. Der heutige Kapitalismus funktioniert teilweise viel radikaler, indem er sich den Umweg über die lästige, da arbeits- und zeitintensive Erzeugung realer Gebrauchswerte, also die Zirkulationsphase – W –,  spart. Stattdessen wird immer öfter mehr Geld unmittelbar aus Geld gemacht: G – G‘. Diese Formel steht für die ganz andere – ironisch gesprochen: „effizientere“ – Art der Kapitalakkumulation in der Sphäre des Finanzmarkt-Kapitalismus (oder kürzer: Finanzkapitalismus). Die Tendenz des Kapitals, auf der Suche nach schnellen und hohen Renditen statt in die traditionelle Realwirtschaft in die pure Finanzwirtschaft zu investieren, wird im neudeutschen Fachjargon als Finanzialisierung der Wirtschaft bezeichnet. Die auf den nationalen und globalen Finanzmärkten gehandelten Volumen an Geld und Kapital wachsen denn auch seit einigen Jahrzehnten x-mal schneller als das Bruttosozialprodukt, das nur die Realökonomie erfasst.

Nun, ganz so „pur“ funktionieren die gegenüber realwirtschaftlichen Prozessen tendenziell verselbständigten Finanzmärkte dann doch nicht, und hier beginnen die zeittypischen Probleme des Kapitalismus:

  • Erstens hängen alle „Finanzprodukte“, mögen sie noch so komplexe „Derivate“ aus einfacheren Finanzinstrumenten darstellen, letzten Endes an einem Renditeversprechen, das – quasi am untersten Ende der finanziellen Wertschöpfungskette – realwirtschaftlich eingelöst werden muss, wie Marx ganz richtig gecheckt hat. Wird der tendenziell ausbeuterische Renditedruck auf die Produzenten und Lieferanten allzu gross, so werden sie im harten Wettbewerb u.U. zahlungsunfähig und es tritt eine „Zirkulationskrise“ (Marx) ein, die unweigerlich auch – und besonders heftig – die Finanzmärkte trifft.
  • Zweitens macht die Finanzialisierung der Wirtschaft manche Instrumente herkömmlicher Geld- und Wirtschaftspolitik unwirksam. Wie seit der grossen Banken- und Finanzkrise vor zehn Jahren nur allzu deutlich geworden ist, nützt das Fluten der Märkte mit noch so unfassbaren Geldmengen für die Stabilisierung oder Steigerung realwirtschaftlicher Investitionen nur wenig, wenn ein Grossteil dieser Finanzmittel sogleich wieder „rein“ finanzwirtschaftlich nach dem Prinzip G – G‘ angelegt statt produktiv eingesetzt werden. Im anschaulichen Bild der Makroökonomen lautet das Problem: Die zur Tränke geführten Pferde saufen nicht.
  • Drittens verstärkt der Finanzkapitalismus die Polarisierung der gesellschaftlichen Vermögens- und Einkommensverteilung weit über die von Marx analysierte „Entfremdung“ der Arbeitskräfte vom Mehrwert hinaus. Denn in der finanzwirtschaftlichen Mehrwerterzielung werden ja realwirtschaftliche Produzenten unmittelbar gar nicht benötigt, nur das Personal der „Finanzindustrie“ ist beteiligt. Der Anteil der Realwirtschaft an den Früchten der Kapitalakkumulation sinkt daher tendenziell, obschon wie erwähnt alle Spekulationsrenditen auf den Finanzmärkten letztlich auf der Erwartung realwirtschaftlich erarbeiteten Mehrwerts beruhen. Diesen distributiven Effekt des ökonomischen Strukturwandels zeigt die fast in allen Ländern seit etwa drei Jahrzehnten steiler gewordene Vermögens- und Einkommensverteilung deutlich an.
  • Viertens verändert der zunehmend dominierende Finanzkapitalismus tiefgreifend die gesellschaftlichen und politischen Machtverhältnisse. Im internationalen Standortwettbewerb kommt es für jedes Land darauf an, das renditesuchende Finanzkapital „gütig“ zu stimmen, damit es in dieses Land fliesst und da investiert bleibt, also bei „Verwertungsschwierigkeiten“ nicht schlagartig abgezogen und an „bessere“ Standorte verschoben wird. Vor allem in Entwicklungsländern sind so schon manche Wirtschaftskrisen ausgelöst worden. Um dem vorzubeugen, befolgen die meisten Regierungen eifrig die Wünsche der grossen Kapitalinvestoren. In demokratisch regierten Staaten versuchen sie die entsprechende Realpolitik dem Stimm- oder Wahlvolk als „alternativlos“ verständlich zu machen.

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Was kann gegen diese problematische Entwicklung getan werden? Nun, soweit unsere kleine Analyse zutrifft, ist das im Prinzip nicht schwer zu erkennen. (Wirklich schwierig ist vielmehr die Verwirklichung angesichts der angedeuteten realpolitischen Machtverhältnisse.)

  • Erstens muss die Finanzmarktregulierung den skizzierten vielfältigen Gefahren viel konsequenter als bisher entgegentreten. Warum nicht beispielsweise alle „Finanzprodukte“ einer Zulassungsprüfung hinsichtlich ihres Gefährdungspotenzials unterwerfen, analog zur amtlichen Zulassung von Medikamenten? Warum nicht die „Finanzinstitute“, insbesondere die Banken, regulatorisch wieder vermehrt auf ihre ursprünglichen Aufgaben der Versorgung von Realwirtschaft und Bevölkerung mit Krediten, risikogerechten Spar- und Anlageformen und alltagsdienlichen Finanzdienstleistungen ausrichten? Und warum nicht endlich mittels einer international abgestimmten Finanztransaktionssteuer etwas Sand ins Getriebe der immer rasenderen Finanzspekulation (computerisierter Hochfrequenzhandel) streuen?
  • Zweitens gilt es der kaum mehr kontrollierten Geldmengenausweitung nicht nur bei den Notenbanken, sondern auch an der von der Realpolitik ausgeblendeten privatwirtschaftliche Quelle entgegenzuwirken. Die zirkulierende (Giral-)Geldmenge hängt heute zu mehr als 80% von der Kreditgewährung durch Geschäftsbanken ab, weshalb die Zentralbanken keine wirksame Geldmengensteuerung mehr betreiben und die Risiken auf den Finanzmärkten kaum eindämmen können. Warum nicht das historisch gewachsene, mangelhafte Geldsystem durch ein Vollgeldsystem ersetzen und mit ihm das Geldschöpfungsmonopol der Zentralbanken, wie es sich bezüglich Banknoten und Münzen seit einem Jahrhundert bewährt hat, nachholend auf das heute dominierende Giralgeld erweitern? (Vgl. dazu die Website der schweizerischen Vollgeldinitiative: www.vollgeld-initiative.ch.)
  • Drittens ist die volkswirtschaftliche Verteilungspolitik nicht nur auf die realwirtschaftliche Einkommensverteilung am Arbeitsmarkt auszurichten (Arbeitsmarkt-, Lohn- und Sozialpolitik), sondern vermehrt auch auf eine gleichmässigere oder zumindest weniger extrem ungleiche Verteilung der Finanzvermögen hinzuwirken. Denn je flacher deren Verteilung ist, umso weniger Geld fliesst in spekulative Finanzanlagen und umso mehr in die Realwirtschaft. Warum haben die meisten europäischen Staaten (im Unterschied zur Schweiz) dennoch die Vermögenssteuern abgeschafft? Und warum werden Ideen zur Vermögensbildung breiter Bevölkerungskreise, etwa mit einem bescheidenen Bürgerkapital für alle („Chancenkonto“), von keiner politischen Partei ernsthaft verfolgt? Oder pointiert gefragt: Wenn schon Kapitalismus, warum dann nicht einen moderaten Kapitalismus für alle etablieren?
  • Viertens – und das ist wohl der schwierigste Punkt – muss das ökonomistische Sachzwangdenken der angeblich alternativlosen Realpolitik überwunden werden. Das setzt in der Demokratie aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger voraus. Es gilt vermehrt  die Fähigkeit der Bürgerinnen und Bürger zu fördern, die interessengesteuerte Realpolitik zu durchschauen und tragfähige Leitideen einer wohlgeordneten Gesellschaft und „zivilisierten“ Marktwirtschaft zu diskutieren. Warum also nicht eine entsprechende Staats- und Wirtschaftsbürgerkunde an den Schulen, beispielsweise auf der Sekundarstufe II, flächendeckend etablieren, damit die demokratische Willensbildung in Zukunft vermehrt von wahrem Bürgersinn und nachhaltiger Gemeinwohlorientierung geprägt wird? Das ist gewiss ein langsamer, eben zivilisatorischer Weg des Fortschritts – aber vielleicht ist dieser Weg für gewaltfreie und nachhaltige Veränderungen tatsächlich alternativlos.

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So viel ist zumindest klar: Mit Karl Marx ist diesen Herausforderungen nicht mehr beizukommen. Es geht heute weniger um den schlichten „Klassenkampf“ des industriegesellschaftlichen (Früh-)Kapitalismus als vielmehr um die Einbindung des überbordenden Finanzkapitalismus in eine wieder vermehrt gesellschaftsdienliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.

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Über den/die Autor/in

Peter Ulrich

1984-1987 Professor für Betriebswirtschaftslehre, Universität Wuppertal
1987-2009 Professor und Leiter des Instituts für Wirtschaftsethik,
Universität St. Gallen

Begründer des Konzepts der „Integrativen Wirtschaftsethik“ (vgl. das
gleichnamige Buch, 4. Auflage Bern, 2008)

Mitbegründer des „NSW – Netzwerk für sozial verantwortliche Wirtschaft“

Gründungsmitglied von „kontrapunkt – Schweizerischer Rat für Wirtschafts-
und Soziapolitik“