Die kommunistische Fiktion der Hyperglobalisierung

Ist die Globalisierung der Märkte zu weit gegangen? Nein, sagen fast unisono die Protagonisten der Standardökonomik. Denn in ihrer modelltheoretischen Idealwelt erzeugt die Öffnung von Märkten und die Intensivierung des Wettbewerbs stets eine win-win-Situation:  Im „freien Markt“ kommen ja Tauschverträge, also Geschäfte, immer nur zustande, wenn beide Seiten daraus einen Vorteil ziehen. Ergo wächst der Wohlstand aller Beteiligten. Mit genau dieser Logik wollen uns die Globalophilen immer weitere internationale Freihandelsabkommen verkaufen: Sie dienen definitionsgemäss immer allen beteiligten Ländern. Der weltweite Wohlstandskuchen wächst, und sollte es irgendwo doch einige lokale Verlierer geben, so kann man sie ja sozialstaatlich entschädigen.

Diese Vorstellung einer letztlich konfliktfreien Gemeinwohlsteigerung durch freie Märkte und Freihandel hat Nobelpreisträger Gunnar Myrdal (1976/1932) schon vor mehr als 80 Jahren als die kommunistische Fiktion des ökonomischen Liberalismus bezeichnet (Myrdal 1976: 48, 113, 135ff., 188). In der Globalisierungseuphorie der letzten Jahrzehnte ist sie buchstäblich zur grenzenlosen Ideologie übersteigert worden. Das hat ihre überzeugten Anhänger kaum gekümmert: Ideologisch denken bekanntlich immer nur die Anderen. Dementsprechend wurde die Globalisierungskritik, die seit der Jahrtausendwende immer lauter wurde, von den Vertretern der herrschenden Lehre in Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik einfach pauschal als Ausdruck einer wirtschaftsfeindlichen Ideologie abgetan. Daran vermochte auch nichts zu ändern, dass sich zu den Kritikern mehr und mehr international führende, aber vom Mainstream abweichende Ökonomen wie beispielsweise John Gray (1999), Joseph Stiglitz (2002), Jeffrey Sachs (2007) und last but not least der Harvard-Ökonom Dani Rodrik gesellten. Letzterer hat den Kernpunkt seiner Kritik an einer bedingungs- und grenzenlosen „Hyperglobalisierung“ (Rodrik 2011: 18) schon im Untertitel seines ersten Buchs zum Thema angedeutet: Die ökonomische Integration der Weltmärkte ist nur um den Preis der sozialen Desintegration innerhalb der beteiligten Länder zu haben (Rodrik 2000).

Wie ist dieser Zusammenhang, der die „kommunistische Fiktion“ der Globalisierung so drastisch widerlegt, genau zu verstehen? Nun, die Freihandelsdoktrin beruht auf dem alten wirtschaftstheoretischen Theorem vom komparativen Vorteil, demgemäss es für den beidseitigen Nutzen genügt, wenn jedes Land sich auf die Produktion und den Export jener Güter spezialisiert, bei denen es einen relativen Kostenvorteil verfügt. Dem mag durchaus so sein – der Hund liegt woanders begraben. Vor lauter Konzentration auf das Aufzeigen der win-win-Situation für beide Handelspartner geht regelmässig vergessen, dass es neben den direkt Beteiligten auch indirekt Betroffene gibt; und dort – nämlich bei den nicht zum Zug gekommenen Konkurrenten – finden sich systembedingt die Verlierer. Mehr Wettbewerb bedeutet eben immer auch die „Auflösung von Tauschbeziehungen“ (Thielemann 2009: 43), also eine systematische win-lose-Wirkung: Dem Umsatz- und Ertragsvorteil, den ein Anbieter aus dem Export seiner Güter zieht, steht im Exportland der Auftragsverlust der dortigen Anbieter gegenüber. Und dem Kostenvorteil, den umgekehrt ein inländischer Nachfrager daraus zieht, dass er auf das günstigere Angebot eines ausländischen Anbieters zugreifen kann, steht logischerweise der Nachteil aller inländischen Anbieter gegenüber, die ohne den „fremden“ Konkurrenten vielleicht ins Geschäft gekommen wären. Indem heimische Unternehmen Aufträge verlieren, kommen unweigerlich auch ihre Arbeitnehmer unter Druck. Um wettbewerbsfähig zu bleiben oder es wieder zu werden, muss „rationalisiert“ werden. Im Klartext bedeutet das Entlassungen und tiefere Löhne für die noch Beschäftigten.

Mehr noch: in einer globalisierten Ökonomie spezialisieren sich oft ganze Regionen eines Landes auf eine Branche und bilden entsprechende Netzwerke („Cluster“) von Herstellern, Zulieferern, benötigten Dienstleistern und Ausbildungsstätten heraus. Wird dann ein solcher „Cluster“ im internationalen Standortwettbewerb von billigeren Konkurrenzländern aus dem Markt gedrängt, so ist der soziale Niedergang der betroffenen Region programmiert und ihre wirtschaftliche Wiederbelebung nur mit einem oft lange dauernden Strukturwandel möglich. Mag der volkswirtschaftliche „Kuchen“ insgesamt infolge des Effizienzgewinns aus der internationalen Arbeitsteilung auch gewachsen sein, so sind die Folgen solcher flächendeckender Schäden doch fatal. Die u.U. extrem hohen gesellschaftlichen Kosten sind, ökonomisch gesprochen, im Globalisierungskalkül in aller Regel nicht voll internalisiert – es mangelt daher regelmässig an geäufneten Mitteln zur „Kompensation“ der Verlierer, und alternative Beschäftigungsmöglichkeiten im selben Umfang stehen meistens nicht bereit. Mit dem stetig wachsenden Tempo des technologischen Wandels wächst das regionale oder branchenbezogene Risiko, unversehens zu den Verlierern zu gehören. Vom deutschen Ruhrgebiet, das sich langsam erholt hat, bis zum amerikanischen „Rust Belt“, in dem seit dem Niedergang der dortigen Stahlindustrie anhaltend trostlose soziale Verhältnisse bestehen, sind die Fallbeispiele nur allzu deutlich.

Längst zeigt die ohne Rücksicht auf die wachsende Zahl an Verlierern vorangetriebene Hyperglobalisierung auch ihre mentalen und politischen Konsequenzen. Nicht mehr nur die Verlierer in den sozialen Milieus der Geringqualifizierten, Schlechtbezahlten und Langzeitarbeitslosen sind von der Entwicklung überfordert und hoffnungslos abgehängt, sondern auch die Mittelklasse fürchtet zunehmend um ihren Lebensstandard. Viele sehen sich vor dem drohenden sozialen Abstieg und empfinden es als höchst unfair, dass sie trotz harter Arbeit an den Früchten des volkswirtschaftlichen Produktivitätsfortschritts kaum mehr teilhaben. In ihren Augen erwächst daraus eine Legitimationskrise der herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Das win-win-Gerede der tonangebenden Profiteure erscheint ihnen verständlicherweise als zynische Provokation oder als Ausdruck von Ahnungslosigkeit. Und so projizieren die Zu-kurz-Gekommenen die Ursachen ihrer Frustration bald einmal auf die Repräsentanten der beklagten Verhältnisse, also auf die politische „Elite“ oder die „Classe politique“, die ihnen das eingebrockt hat. Hinzu kommt wachsendes Ressentiment gegen die tatsächlichen oder vermeintlichen „fremden“ Konkurrenten, seien es Immigranten oder ausländische Personen und Institutionen ganz allgemein.

Das alles lässt sich realpolitisch instrumentalisieren. Je weiter die soziale Desintegration fortschreitet, umso mehr greift in immer mehr globalisierungsbetroffenen Ländern ein symptomatischer Populismus um sich: Die frustrierten Wutbürger lassen sich dann regelmässig von den einfachen Botschaften vermeintlich volksnaher Politiker, deren Ziele nur scheinbar mit ihren eigenen übereinstimmen, trompieren. Oder schreibt sich dieses Lehnwort neuerdings als „trumpieren“?

Auch der übelste Trumpismus wird sich jedoch nicht lange damit begnügen können, die grenzenlose Globalisierungseuphorie einfach in eine ebenso undifferenzierte, abgrundtiefe Globalisierungsphobie umzudrehen. Die vernünftige Alternative zur Hyperglobalisierung ist nicht ein nationalkonservativer Isolationismus, sondern eine an Kriterien der Human-, Sozial- und Umweltverträglichkeit orientierte, moderate Globalisierungspolitik. Das verlangt nicht einfach den Verzicht auf internationale Freihandelsabkommen, sondern ganz im Gegenteil anspruchsvollere Abkommen, welche die globalen Märkte in eine umfassende supranationale Rahmenordnung einbinden. Worauf es dabei ankommt und was auf dem Spiel steht, wird uns im nächsten Forumsbeitrag beschäftigen.

 

Erwähnte Literatur

 

Gray, J. (1999): Die falsche Verheissung. Der globale Kapitalismus und seine Folgen, Berlin: Alexander Fest.

Myrdal, G. (1976): Das politische Element in der nationalökonomischen Doktrinbildung, Bonn-Bad Godesberg: Verlag Neue Gesellschaft (1. Aufl. Berlin 1932).

Rodrik, D. (2000): Grenzen der Globalisierung. Ökonomische Integration und soziale Desintegration, Frankfurt/New York: Campus.

Rodrik, D. (2011): Das Globalisierungsparadox. Die Demokratie und die Zukunft der Weltwirtschaft, München: Beck.

Sachs, J. (2007): Wohlstand für viele. Globale Wirtschaftspolitik in Zeiten der ökologischen und sozialen Krise, Berlin: Siedler.

Stiglitz, J. (2002): Die Schatten der Globalisierung, Berlin: Siedler.

Thielemann, U. (2009): System Error. Warum der freie Markt zur Unfreiheit führt, Frankfurt/Main: Westend.

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Über den/die Autor/in

Peter Ulrich

1984-1987 Professor für Betriebswirtschaftslehre, Universität Wuppertal
1987-2009 Professor und Leiter des Instituts für Wirtschaftsethik,
Universität St. Gallen

Begründer des Konzepts der „Integrativen Wirtschaftsethik“ (vgl. das
gleichnamige Buch, 4. Auflage Bern, 2008)

Mitbegründer des „NSW – Netzwerk für sozial verantwortliche Wirtschaft“

Gründungsmitglied von „kontrapunkt – Schweizerischer Rat für Wirtschafts-
und Soziapolitik“